Bündelungen


Predigt von Pfarrer z. A. Dr. Jörg Schneider
9. November 2008
Stadtkirche und Auferstehungskirche Vorderwestermurr


"Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr , dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, sollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben." 1. Thessalonicher 5,1–11
 
 
Liebe Gemeinde,
 
Sie haben die Haus- oder Wohnungstüre abgeschlossen. Ein Tag ist zu Ende, er hat Sie müde gemacht. Sie legen sich schlafen, es war genug. Der Schlaf kommt, er ist tief. Sehr tief. Irgendwann, Sie wissen nicht wann und wie, wissen Sie, dass Sie Besuch haben. Sie hören nichts. Oder doch? Hat eine Diele geknarrt? Nein. Ist ein Schatten vorüber gehuscht? Möglich, aber nicht sicher. War es draußen? Eher nein. Sollen Sie nun aufstehen und nachsehen? Hm, lieber den Atem anhalten und so tun, als ob Sie nicht da wären – und meinen, dass der Dieb in der Nacht real wäre. 
 
Meist – und Gott sei Dank – ist es umgekehrt. Sie sind real und der Dieb ein Produkt der Einbildung. Doch solche Erfahrung lehrt uns etwas über die Schrecken der Plötzlichkeit. Aufwachen und in einer neuen Situation sein, für die es zuerst keine Erfahrung gibt. Höchstens die Filmchen aus "Aktenzeichen XY ungelöst". Oder ein Streifen aus Hollywood, der mit den Ängsten vor dem Unbekannten und Gefürchteten spielt.
 
Wie ein Dieb in der Nacht ... "Gott ist kein Dieb – das sei ferne", würde Paulus selbst ausrufen. Es sei denn der Dieb, der uns mitnimmt in sein Reich. Doch genau das ist der Skandal des Textes. Denn Gott ist nicht wiedergekommen. Weder so unerwartet wie ein Dieb in der Nacht, noch so offensichtlich wie ein Vulkanausbruch am Tag.
 
So viele Gläubige haben Gott sehnlichst erwartet – "Herr mach ein End mit diesem Jammertal". Manche haben in der Bibel gesucht und aus den Buchstaben irgendwelche Daten herausgerechnet. Der württembergische Pietist Johann Albrecht Bengel erwartete die Wiederkunft Christi im Jahre 1836. Immerhin starb er 1752, so dass er seine eigene Prophezeiung nicht überleben musste. Folgenreicher war sicher im Mittelalter Joachim von Fiore – er errechnete verschiedene Zeitalter nach der Trinität: Das erste Reich des Vaters im ersten Bund, das zweite Reich des Sohnes im Neuen Testament, und das dritte Reich des Geistes in der Gegenwart bis zur Wiederkunft. Dass unsere Zeit nicht die geisterfüllteste aller Zeiten ist, ist Gemeingut. Gerade heute am 9. November, dem Gedenktag des sogenannten Reichskristallnacht wird wieder in Erinnerung gerufen, dass das "Dritte Reich" mitnichten ein Reich des Geistes war.
 
Warum in die Geschichte abschweifen? Der Skandal, dass Jesus Christus – noch – nicht wiedergekommen ist, ist bereits im Neuen Testament selbst greifbar. Zuerst schien es gar nicht nötig, über die Zukunft nachzudenken, denn das Weltende war doch nahe – die Wiederkunft war nur eine Frage von Tagen, höchstens Wochen – nun gut, nach den erstaunlichen Missionserfolgen von Jahren, oder sollte doch nicht zuerst die damals bekannte Welt bekehrt werden vor der Wiederkunft, also ein Unternehmen von Jahrzenten? Das Christentum breitet sich seither aus, zieht sich zurück, der Geist weht, wo er will, wie er will – auf was warten wir? Auf was wartet Jesus Christus?
 
Der Tag des Herrn der Wiederkunft kommt wie ein Dieb in der Nacht. Unerwartet und plötzlich. Was warten wir auf das Weltende, wenn wir uns selbst viel näher liegen – mit eigenem Anfang und Ende? Sicher, es ist einfacher und angenehmer, Spekulationen über das Weltende anzustellen als sich mit dem eigenen Glauben auseinander zu setzen. Die Spekulationen lenken vielmehr ab von drängenderen Fragen wie solchen: Wie kommt Jesus Christus zu mir? Ist er bereits da?
 
Lassen Sie uns zuerst über Gestalten der Bibel und deren Glaubensweg nachdenken, und über unsere Heiligen, und dann daraus Anknüpfungsmöglichkeiten für uns selbst entdecken.
 
Gott kommt oft plötzlich zu den Menschen. Das kann erschrecken. Der Engel Gottes sagt deswegen immer: Fürchte dich nicht! Ich tue dir nichts Schlimmes, im Gegenteil. Maria ist so plötzlich von Gott besucht worden. Der Apostel Paulus weiß auch, wie plötzlich und unerwartet Gott sich ihm offenbarte. Er war regelrecht von Gott vor Damaskus geschlagen und brauchte eine lange Zeit, sich auf das neue Leben einzustellen. Oder Martin Luther: er erlebte im Gewitter eine Grundangst vor Gott, so dass er ein gottgefälliges Leben versprach – und als Mönch in ein Kloster eintrat. Und dort hatte ein weiteres plötzliches Erlebnis. Er verstand auf einmal, dass Gott niemanden nach den guten und schlechten Taten allein bewertet, sondern nach dem Glauben. Er wurde ein von Ängsten befreiter Mensch, als er merkte, dass er nicht zwanghaft gegen die Hölle arbeiten muss, sondern dass er die Güte Gottes auf sich zukommen lassen durfte.
 
Aus vielen solchen unerwarteten Erlebnissen hat sich im Pietismus auch die Vorstellung entwickelt, dass ein Gläubiger oder eine Gläubige den Moment der Umkehr im Leben kennen müsste, den Moment der plötzlichen Begegnung mit Gott, am besten mit Datum, Uhrzeit und Ort. Oberflächlich betrachtet ist das schwierig, denn es gibt auch Menschen, die von keinem Umkehrerlebnis berichten können, aber dennoch Christen sind. Und es gibt Menschen, die warten ein Leben lang auf eine unmittelbare Begegnung mit Gott, und die keine Worte für ihre Glaubenserfahrungen finden. Was passiert aber in der Plötzlichkeit?
 
Ich meine, dass dieses Wort für eine Bündelung steht. Wenn jemand aktiv sein Leben an einem bestimmten Ort zu einem Datum Jesus Christus übergibt, dann ist das der Abschluss einer Entwicklung, und der Ausgangspunkt für Neues. In einem Moment kommt alles auf den Punkt.
 
Martin Luther hat lange um die Erkenntnis Gottes gerungen, und sie kam in einer bestimmten Nacht in Erfurt auf den Punkt. Oder die Aktionen des Paulus gegen die frühen Christen kamen irgendwann zum Ende, weil er es nicht mehr konnte, denn er war schon von anderem Glauben durchdrungen. Vor Damaskus wurde sein Leben gewendet. Oder Maria: Sie hatte sicher nicht im Traum daran denken können, die Mutter Gottes zu werden; sie hat sicher nicht daran denken können, dass ein Engel zu ihr nach Nazareth kam und sagte: Fürchte dich nicht! Ihr geschah die Bündelung, als sie an Ostern erkannte, dass sie Gott geboren hatte.
 
Bündelungen des Glaubens und des Weges geschehen genau genommen immer wieder. Und bei manchen Menschen nicht so sensationell wie zum Beispiel bei Paulus oder anderen Bekehrungen. Nicht alle Menschen sind so begnadet, und doch spielen sich immer wieder Bündelungen und Begnadungen statt. Nehmen wir die Bündelungen in Gottesdiensten. Bald ist Totensonntag. Da wird für Hinterbliebene die Trauer gebündelt und ins Licht der Verheißung gestellt. An Weihnachten wird die Mensch-Werdung und die Zuwendung Gottes gebündelt – und so viele Menschen kommen da in die Gottesdienste, weil sie dies spüren wollen und werden.
 
Nicht nur in Gottesdiensten findet eine solche Bündelung statt. Es gibt Bücher und Filme, die unerwartet Leben bündeln. Und es gibt Begegnungen mit Menschen, die große Kraft auf einen selbst ausüben. Wenn man das merkt, dann ereignet sich solch eine Plötzlichkeit. Dafür muss man wach sein. Begegnungen ereignen sich nur, wenn man aufmerksam und offen ist. Herbeizwingen kann man sie aber auch nicht.
 
Auch die Begegnung mit Jesus Christus kann niemand herbeizwingen. Unser heutiger Predigttext entlastet an dieser Stelle. Er vergewissert die Thessalonicher und uns, dass ob wir wachen oder schlafen wir zum Leben mit Christus berufen sind. Die Plötzlichkeit, die Bündelung ist bereits geschehen, für uns geschehen an Weihnachten, Karfreitag und Ostern. Weil Gott bereits gekommen ist – wie ein Dieb in der Nacht von Bethlehem – können wir warten, meistens wach und nüchtern, manchmal müde und benebelt von der Welt, manchmal schwach und ungewiss, wo Gott sich im eigenen Leben plötzlich zeigt, manchmal euphorisch und gottestrunken und ungeduldig.
 
Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Mag er kommen, wir sind da.
 
Amen.