Predigt von Pfarrer Ernst Börkircher, gehalten in einem ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der ökumenischen Tage Rems-Murr am 17.10.2009 in St. Maria, Murrhardt
Liebe ökumenische Gemeinde,
zuerst einmal freue ich mich, dass wir überhaupt einen solchen ökumenischen Gottesdienst feiern können. Ich freue mich, dass viele Menschen innerhalb der Konfessionen es ausdrücklich begrüßen, dass die unterschiedlichen Kirchen aufeinander zugehen und Formen der Zusammenarbeit und gemeinsamer Feiern entwickeln. Erst vor wenigen Tagen sprach ich mit zwei älteren konfessionsverschiedenen Ehepaaren, die ihren Ärger wie auch ihren deutlichen Schmerz darüber zum Ausdruck brachten, was es noch vor wenigen Jahrzehnten hieß, einen Mann oder eine Frau aus der anderen Konfession zu heiraten. Viel Ablehnung und Verurteilung mussten Sie damals mitanhören.
Die ökumenischen Tage Rems–Murr und der ökumenische Kirchentag in München im kommenden Jahr im Mai sind Zeichen dafür, dass das Trennende in Zukunft nicht mehr im Vordergrund stehen soll, sondern der gemeinsame Auftrag des christlichen Glaubens an den Menschen.
Was ist aber unser Auftrag an die Menschen? Wer nach dem Auftrag fragt, fragt auch nach dem Inhalt unseres Glaubens. Der Inhalt des Glaubens ist unser Auftrag. Dieser wird uns vor allem in den Evangelien und in den Briefen des Apostels Paulus überliefert. Paulus ist heute Abend unser Thema. Und Paulus war es vor allem, der den Inhalt unseres Glaubens theologisch in Worte fasste. Es reichte offensichtlich nicht aus nur die Geschichten und Erzählungen von Jesus zu überliefern, wie wir sie von den Evangelien her kennen. Der Kern all dieser Erzählungen, das Wesentliche der Jesusüberlieferung musste in eine Theorie des Glaubens, in Theologie übersetzt werden, um gerade mit den Heidenvölkern, den Griechen und Römern in einen Dialog und in Auseinandersetzung treten zu können. Glaube muss sich immer auch verantworten können und darlegen können vor der Welt, er muss plausibel sein, er kann sich nicht nur auf Geschichten, so gehaltvoll sie auch sind, zurückziehen. Diese großartige Leistung brachte damals der Apostel Paulus zustande. Ohne ihn und seine Christustheologie würde es wohl kein weltweites Christentum geben.
Der Zentralsatz, der den Inhalt unseres Glaubens erfasst und der auch die Reformation in Gang setzte, schrieb Paulus im Römerbrief 1,17 auf diese Weise:
„Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: der Gerechte wird aus Glauben leben.“
Dieser Satz ist ein ungeheuer erfahrungsverdichteter Satz in dem sich die grundlegende Lebenswende des Paulus niederschlägt. Sie wissen, Paulus erlebte und erduldete eine Lebenswende. Bleiben wir kurz dabei: Haben Sie selbst ein Gefühl dafür, wie sich eine totale Lebenswende anfühlt? Können Sie die Schmerzen, Zweifel, Abgründe, die mit einer völligen Lebenswende zu tun haben nachempfinden wo nichts mehr bleibt wie es einmal war? Können Sie nachfühlen, was es wohl für Paulus bedeutete von einem strengen Juden zu einem freien Christen zu werden? Es war wohl wie das Überschreiten eines Abgrundes.
Paulus stand oft in seinem Leben vor Abgründen, die er zu durchmessen hatte, er ist vielleicht geradezu ein Lehrer dafür, wie man das abgründige Leben besteht. Oder ist es nicht etwa ein abgründiges Leben, das er zu Beginn seiner Karriere führte, als er Lust und Gefallen hatte am Märtyrertod der ersten Christen, als er mit überlegenem Gefühl und Lächeln zusah, wie man Stephanus steinigte, als er selbst beauftragt war als Pharisäer die Gemeinde Jesu zu zerstören und er von Haus zu Haus ging, Männer und Frauen fortschleppte und sie ins Gefängnis warf?
Später als Apostel Christi stand er wiederum vor dem abgründigen Leben, wenn er in all seinen Herausforderungen seines Apostelamts schreibt: „Um deinetwillen, um Christi willen, werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“(Römer 8,36)
Das Leben des Apostels Paulus war ein nicht in Worte zu fassendes herausgefordertes Leben, das schließlich im Märtyrertod in Rom endet.
Ich habe vor kurzem ein Gedicht von Arno Poetsch, einem evang. Pfarrer, gelesen, der von den Kriegsjahren des zweiten Weltkriegs gezeichnet war. Unvermittelt zog ich von diesem Gedicht aus eine Parallele zu Paulus. Denn das, was Poetsch als Mensch rettete, rettete auch Paulus das Leben. Es ist kein leichtes Gedicht, sowenig das Leben von Paulus und Christus ein leichtes Leben war.
Es lautet:
Wir stehn an eines Abgrunds Rand, den Abgrund höhlt das leere Nichts -
Sehn ohne Weg und Flucht gebannt hinab erschrockenen Gesichts.
Das Letzte, das der Blick ersieht, heißt Schicksal, das kein Sinn begreift,
heißt Tod, dem keiner sich entzieht, heißt Schuld, die keiner von sich streift.
Und dann ist nichts, kein Ziel noch Halt- und aus der tiefe raunts: Verdirb!
Es greift zum Herzen jäh und kalt: Verfluche, Wesen, dich und stirb.
Wer nie sein Dasein so erfuhr, der kennt es nicht, der lebt noch kaum.
Mensch wirst du an der Grenze nur, verzweifelnd hier in Zeit und Raum.
Und steht dir
dann die Gnade bei, erscheint dir auf dem Grund des Nichts
Ein Licht, dass dirs die Rettung sei, ein Glanz des göttlichen Gesichts.
Und Gott,
der ewige, letzte Sinn, nimmt, was dich schreckt, den Abgrund auf; ein Meer ohn Ende und Beginn birgt alles Daseins Bahn und Lauf,
verschlingt in sich Welt, Raum und Zeit, Leid, Kreuz und Schicksal, Schuld und Tod und Himmel, Hölle, Ewigkeit und dich und mich – der Abgrund: Gott.
Das Leben des Paulus, das Leben Christi und dieses Gedicht reißen uns geradezu die Augen auf für das abgründige Leben.
Das 20. Jahrhundert war in seinen Anfängen und auch später ein Leben in den und an den Abgründen. Das 21. Jahrhundert hält solche bereit.
Kein Leben ohne Schuld, kein Leben ohne den Tod. Jede und jeder der noch nicht sein Gefühl abgetötet hat, spürt die schmale Grenze die uns trennt zwischen gutem Leben, dem Bösen und Grauenvollen, dem Schicksal und dem Ende.
Genau dort aber auf der Grenze ist der Ort der Kirche. Die Kirche ist keine Spielwiese, kein Vergnügungspark und auch kein Tummelplatz gegenseitiger dogmatischer Rechthabereien, sondern sie hat ihren Platz dort, wo sich Abgründiges auftut, um es zu heilen. Genau das war Jesu Weg, so wurde er zum Heiland der Welt.
Doch was heilt im Angesicht eines herausgeforderten Lebens? Zuerst einmal keine noch so guten Programme, keine Taten, kein Gesetz. Das bis in den Grund hinein angefochtene Leben wird durch keine Tat gerettet. Niemand vermag die Welt zu retten, auch keine Supermacht. Rettung kommt ausschließlich durch die Erfahrung der Gnade Gottes. Erst wenn Menschen spüren und erkennen, dass sie der Gnade bedürftig sind, erst wenn sie von ihrem hohen Roß steigen, erst dann werden sie imstande sein, mit dem Leben gnädig umzugehen.
Durch Gottes Gnade heilte Jesus, durch Gottes Gnade ging Paulus seinen Weg. Allein durch den Glauben an Gottes Gnade kann sich dieses herausgeforderte Leben beruhigen und zur Besinnung kommen und dann die Tat vollziehen, die diese Erde bebaut und bewahrt.
„Lass dir an meiner Gnade genügen musste Paulus hören, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Was wir der Welt schulden ist das Evangelium, das besagt: Angesichts der Herausforderungen des Lebens, angesichts der abgründigen Möglichkeiten des Menschen helfen keine Programme, was allein den Menschen versöhnt und ihn zu einem mitmenschlichen Menschen macht, ist die Erfahrung der geschenkten Gnade.
Versuchen Sie es ernstlich mit sich selbst:
Nehmen Sie sich jeden Tag Zeit für den Satz des Paulus, leben Sie mit diesem Satz, wie mit der Luft zum Atmen:
Lass dir an meiner Gnade genügen, das ist meine Gerechtigkeit zu dir als dein Gott, dass ich dir ganz und gar gnädig bin.
Amen.