Liebe Gemeinde,
ich möchte in meiner Abschiedspredigt mit Ihnen Sätze der Erklärung des 2. Glaubensartikels von Martin Luther und einen Satz aus seiner Schrift „Von den Konziliis und Kirchen“ meditieren:
„Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden.“
„Kirche ist das allein von Gott durch den heiligen Geist im Glauben mit Vergebung und täglichem Abtun der Sünden geheiligte christliche Volk.“ --
Ich nehme heute und in den kommenden Wochen von vielen Abschied, die mir ans Herz gewachsen sind und von denen Abschied nehmen nicht leicht fällt. Ich nehme aber nicht nur Abschied von vielen einzelnen, sondern auch von der Gemeinde hier insgesamt. Die Gemeinde ist mehr als die Summe der Einzelnen, sie ist Träger eines gemeinsamen Geistes.
Wie aber fühlt sich eine Gemeinde an, die vom Geist des Evangeliums bestimmt ist?
Mir ist diese Beschreibung wichtig, weil uns allen klar vor Augen stehen muss, was man eigentlich meint, wenn man von der Gemeinde spricht.
Beginnen möchte ich mit Gedanken Albert Schweitzers. Neben seine Gedanken stelle ich dann die harte Realität unseres Lebens und folgere aus ihr die Notwendigkeit der Rechtfertigungslehre unserer Kirche. Die Rechtfertigungslehre beschreibt theologisch die Grundstruktur unseres Lebens, dass kein Mensch aus sich selbst heraus zu existieren vermag. Jeder Mensch verdankt sich anderen und dem Sinn des Lebens: Gott. Schließlich leite ich aus der Rechtfertigungslehre die Dynamik der Gemeinde und den Umgang untereinander ab.
Für Albert Schweitzer wäre der Geist einer evangelischen Gemeinde so zu beschreiben:
In allen Bereichen in ihr wäre ein Respekt zu spüren vor dem Lebenswillen aller Mitglieder und allem Geschöpflichem. Überall würde so ein: „Singt, singt dem Herren neue Lieder“ - Summen durchs Gelände tänzeln aus Freude und aus Fürsorge über dieses erstaunliche Leben.
Berührt entdeckte Schweitzer nicht nur im menschlichen Leben, sondern in allen Geschöpfen den Willen zum Leben. Er sieht diesen Willen in einer Weinbergschnecke, die nach einem Regen, die Straße überquert. Wohin wir auch schauen: Lebenswille. So schreibt dann Schweitzer: Die Grundtatsache des Lebens lautet:„Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.“
Nimm einen Wurm in die Hand und er wird sich winden, werde ich in den Schwitzkasten gepackt, auch ich werde mich winden. Betrachte Menschen- und Tierkinder, überall wollen sich die Möglichkeiten des Lebens entfalten und heranwachsen. Wohin wir auch schauen: Lebens-, Entfaltungs- und Gestaltungswille. Schweitzer nötigte dieser unergründliche Lebenswille Ehrfurcht ab.
Er schreibt: „Der Mensch erlebt das andere Leben auch in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Eine Gesellschaft entscheidet sich daran, wie geringen oder wie großen Wert sie ihren Individuen einräumt.“
Der Geist der Gemeinde hat also in den Augen Schweitzers folgende Kennzeichen:
Der Respekt vor dem Leben aller Mitglieder und allem Geschöpflichem durchweht ihre Reihen.
Ein Geist der Unterstützung und Förderung ist allenthalben spürbar, ein lebhaftes Interesse ist erkennbar, dass Menschen in der Gemeinde sich zu ihrem höchsten Wert entwickeln dürfen, man schmeckt geradezu die große Erlaubnis zur Lebensentfaltung.----
Nun wusste Schweitzer selbst nur allzu gut, wie hart dieser Geist an der Realität aneckt. Er schrieb oft darüber, einmal so: „Einst glaubte man an den Sieg der Wahrheit, jetzt nicht mehr. Einst glaubte man an die Menschen, jetzt nicht mehr, einst glaubte man an das Gute, an die Gerechtigkeit an die Gütigkeit und Friedfertigkeit, an die Begeisterung für das Leben, jetzt nicht mehr.“ All diese Werte und Ideale zerschellen nur allzu schnell an der Realität. Schon im Vers eines Taufliedes singen wir unseren Kindern in die Wiege. „Kampf und Krieg zerreißt die Welt, einer drückt den andern nieder. Dabei zählen Macht und Geld, Klugheit und gesunde Glieder. Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben.“ (582)
Von allen Anfängen der menschlichen Geschichte bis heute: entsetzliches Gegeneinander. Wie ist dieses zu verstehen, zu überwinden? Ich gebe eine theologische Erklärung und einen theologischen Bewältigungsversuch, indem ich durch zwei bekannte Zitate die Richtung einer Lösung andeute:
Martin Luther schrieb noch kurz vor seinem Tod auf einen Zettel: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Er meinte wohl damit, dass auch er, der er die damalige Welt auf den Kopf stellte, nichts vorzuweisen hat, was sein Leben rechtfertigen könnte, vor Gott schon gar nicht.
Die meisten von Ihnen kennen auch das sehr berührende Gebet Dietrich Bonhoeffers aus dem Gefängnis: „Wer bin ich?“ Als ich es zum ersten Mal las, war ich über seine Ehrlichkeit sehr erschüttert und ich dachte: wo gibt es sie unter uns? Ich lese zur Erinnerung einige Zeilen:
„Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Bin ich das wirklich? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür, müde und leer zum Beten.
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Bonhoeffer wusste in seiner damaligen Situation kaum noch um seine eigene Identität, „was ist von mir noch übrig?“
Evangelische Theologie hat aus solchen vielfältigen Erfahrungen den Schluss gezogen, dass kein Mensch eine fest gefügte, sichere Identität hat, sondern dass diese vielfach bedroht ist, ja sogar von der Wurzel her bedroht ist. Menschen haben keinen festen Stand. Luther wusste sich auf dem Grunde seiner Existenz als Bettler, er war sich sehr bewusst, dass er täglich seinem alten Adam gegenübersteht. Auch Bonhoeffer wusste, dass seine Identität keine Sicherheit bietet.
Für evangelische Theologie ist es eindeutig, dass wir Menschen aus uns selbst keinen festen Stand haben, unsere wahre Identität nicht in uns selbst ruht.
Die heutige Biologie beschreibt auf ihre Weise dieselbe Tatsache nur auf einer anderen Ebene: Sie sagt: der Mensch ist ein Mängelwesen. Kein Tier braucht nach seiner Geburt eine solch umfangreiche und zudem störanfällige Pflege und Erziehung wie der Mensch, damit er sich schließlich halbwegs in dieser Welt zurechtfindet.--
Die entscheidende Frage scheint mir nun zu sein, wie wir genau mit dieser Tatsache umgehen, dass wir Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen unseres Lebens Mängelwesen sind. Jeder weiß doch:
Unser Verstand ist oft nicht bei Sinnen.
Unsere Gefühle, häufig durcheinander und nicht unter Kontrolle.
Unser Handeln lässt zu wünschen übrig.
Unser Miteinander bleibt vieles schuldig.
Damit zusammenhängend unsere Abhängigkeit von archaischen Impulsen, unsere Unbewußtheit gegenüber Denk- und Gefühlsmustern, unsere Manipulierbarkeit durch unsere Umgebung.
Wie gehen wir Menschen nun mit diesem unentrinnbaren Zustand des Mangels und der Defizite um?
Die theologische Tradition hat dem Menschen immer angeraten: Mensch, bleib nur bloßes Geschöpf, mehr ist nicht notwendig.
In großen Zeiten der Kirche wurde diese Aussage immer auch scharf gehört: Die Reformationszeit war so eine Zeit, in der es zu einem Erwachen an dieser Aussage kam, dass der Mensch seine Fehlbarkeit, Mängel und Schuld durch nichts überwinden kann.--
Aber Menschen fällt es offensichtlich ungemein schwer, bloßes Geschöpf zu bleiben.
Warum? Wer die eigene Geschöpflichkeit mit ihrer Unzulänglichkeit, mit ihrer Unwissenheit, ihrem Defizit in einer mehr oder weniger kalten, abweisenden, verständnislosen und harten Umgebung machen muss, der kann sich auf seine Geschöpflichkeit nicht mehr einlassen, er wird sie meiden und mit allen Mitteln zu überwinden trachten.
Denn sobald kleine und große Menschen ihre Mängel in einem verständnislosen Raum erfahren müssen, erleben sie auch große Angst und Scham. Denn alles will ein Mensch sein, nur kein Mängelwesen in den Augen anderer. Sofort beginnen dann Menschen alles dafür zu tun, um ihre angeblichen Defizite wett zu machen, um es denjenigen Recht zu machen, von denen man abhängig ist. Erst dann darf man so etwas wie Zuwendung erwarten.
Menschen, die ohne unterstützende Zuwendung ihre Unwissenheit und Unzulänglichkeit erkennen müssen und mit ihnen sogar hart konfrontiert werden, werden alles dransetzen um diese Scharte auszuwetzen, sie werden sich derart in Unternehmungen stürzen und Erfolg haben wollen, dass sie am Ende keine Ahnung mehr davon haben, dass alles seinen Ausgang nahm bei einer sehr großen Verunsicherung und Angst. Eine andere Reaktionsvariante ist die Resignation, das Versagen, die Depression.
Gegen dies alles hat die theologische Tradition immer eine andere Erfahrung verkündet und darauf hingewiesen, dass sich dem Mängelwesen Mensch die schöpferische, erlösende Liebe Gottes durch alle Jahrtausende hindurch offenbarte, dass Gott überhaupt nicht davon ausgeht, auf einen perfekten und guten Menschen zu treffen, sondern einfach auf sein Geschöpf, das sich zu seinem Geschöpfsein ganz und gar bekennt. Diesem Menschen gilt der Zuspruch: So, wie du bist, bist du auch gerechtfertigt, so bist du von meiner Liebe umfangen.
Über die Jahrtausende hinweg, haben Menschen die intensive Liebe Gottes erfahren, angenommen und gelebt und machten damit die erstaunliche Entdeckung, dass Mängel gar nichts Schlimmes sind, sondern geradezu die Voraussetzung für die Entfaltung und Ausbildung des eigenen Potentials. Entlang seiner Mängel darf sich eines Menschen ureigenes von Gott geschenktes Potential entfalten.--
Ich lade Sie ein, an zwei Texten aus dem AT und NT diese intensive Gottesliebe zu spüren, die nötig ist, damit gerade aus den Mängeln Potentiale für das Leben werden: Der Prophet Jesaja sagte seinem Volk:
„Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“
Und Jesus:
„Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? Oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben, die ihn bitten.“ (Matth7)
Auf genau diesem Hintergrund einer solchen verlässlichen Liebe, die niemand vergisst und aufgibt, die das Beste für einen sucht und will, sollte der Mensch die Erfahrung seiner Mängel und Unausgebildetheit machen. Das ist Gottes Wille. Macht der Mensch seine Mangelerfahrungen auf diesem Hintergrund, dann entfaltet sich sein Leben reich. Kann er sie nicht auf diesem Hintergrund erleben, dann verwandelt sich alles, Menschen und Geschöpfe, zum Material, das einer braucht, um seine Defizite nicht mehr spüren zu müssen. Dieser Mensch verlernt dann das Fühlen und übrig bleibt das Machen.
Für eine evangelische Gemeinde gibt es daher immer eine doppelte Voraussetzung:
1.Es muss in ihr der Geist der Geschöpflichkeit zu spüren sein.
2.Jeder in der Gemeinde weiß, dass er in seiner Geschöpflickeit auf Annahme von Gott und Mensch angewiesen ist. So werden dann Menschen in ihr zu Geschwistern.
Aus dieser zweifachen Voraussetzung schafft Gottes Geist seine Früchte für die Gemeinde.
Dort nämlich, wo Menschen nicht mehr auf Besserwisser, Rechthaber, Gutmenschen, Überflieger, Eventmanager, Kulturagenten, Schulmeister Qualitäts-zer-ti-fizierer und Moralapostel treffen, dort finden sie Annahme, dort dürfen sie ankommen und sich öffnen. Dort wird man nicht schon wieder an einem Maßstab gemessen, sondern darf mit seiner Lebensgeschichte und ihren Unzulänglichkeiten da sein, ja man darf spüren, dass alle, die da herumschwirren, das ihre mit sich tragen
Je mehr Menschen ankommen dürfen mit all ihren Schwächen und Schicksalen aber auch mit ihren wunderbaren Fähigkeiten und Gaben, wenn jeder Druck von ihnen genommen ist, umso mehr wächst Vertrauen und gegenseitiges Verstehen.
Vertrauen und Verstehen werden dann auch die zentralen Mittel um Gemeinde zu leiten. Aus jedem Miteinander, das von Vertrauen und Verstehen geleitet wird, erwachsen dann auch die Inhalte, die notwendig zu bearbeiten sind.
Schließlich, beginnt dann jeder sein Leben auch mit dem anderen zu teilen bis ins Materielle hinein, weil jeder weiß: Ich kann nur leben von der Annahme und Unterstützung des anderen, von seinem JA zu mir, und ich will, dass der andere an Leib und Seele auch gut lebt.
Die Krönung und der Ausgangspunkt wiederum von alledem ist der Gottesdienst in dem die Gemeinde sich das überschwängliche Ja Gottes zu ihrem eingeschränkten, von Mängeln behafteten Leben vergegenwärtigt und feiert, sein Ja, das in die Ewigkeit hineinreicht.
In einer solchen Gemeinde herrscht dann der Geist, den Albert Schweitzer so sehr betonte und erhoffte:
Der Geist der Lebensbejahung aller Menschen und Tiere.
Der Geist der Demut und der Gnade
Der Geist wechselseitiger Ehrfurcht
Der Geist der Barmherzigkeit
Der Geist der Förderung des Lebens auf allen Ebenen
Der Geist des Geheimnisses des Lebens, der absolut JA zu uns sagt.
Schenke Gott seiner Gemeinde diesen Geist, seinen heiligen, heilenden Geist.
Amen.