Die andere Seite Gottes
Im Februar und März 2010 gibt es im Kirchendistrikt Murrhardt eine Predigtreihe, verbunden mit einem Kanzeltausch. Hier sind die drei Predigten zum Thema "Die andere Seite Gottes" nachzulesen:
Von Gott reden – aber wie?
Pfarrerin Alexandra Winter (Kirchenkirnberg)
Wo warst du, Gott?
Pfarrer Steffen Kaltenbach (Fornsbach)
Wen sehen wir, wenn wir uns ein Bildnis Gottes machen? Pfarrer z. A. Dr. Jörg Schneider (Murrhardt)
Alexandra Winter:
Von Gott reden – aber wie?
Liebe Gemeinde,
in der Predigtreihe, die meine Kollegen Kaltenbach und Dr. Schneider mit mir für unseren Distrikt entworfen haben, darf ich den Part übernehmen, das Reden über Gott aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Von Gott reden – aber wie? So lautete der Arbeitstitel. Und die Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, gliedern sich in mehrere Abschnitte. Reden von Gott – im Kontext der Aufklärung. Mir scheint, dass das Reden von Gott uns zahlreiche Probleme bereitet. Da ist z. B. die Frage, ob wir uns überhaupt trauen, von Gott zu sprechen – und zwar gerade gegenüber Menschen, die von Gott wenig wissen und denen Gott gar nichts bedeutet. Entgegen verbreiteter Vorurteile gibt es ja nicht nur in den neuen Bundesländern viele Leute, die von christlichen Traditionen wenig wissen, und für die das Reden über Gott absolutes Neuland ist. Sondern solche Leute treffen wir überall. Vor nicht mal hundert Jahren wurde man, nicht nur in katholisch geprägten Gegenden, noch schief angeguckt, wenn man mit Gott und der Kirche nichts am Hut hatte. Das ist heutzutage anders.
Wer heute von Gott spricht, der wird von den Zeitgenossen gerne belächelt und muss sich anhören, dass doch „der Glaube“ und „die Wissenschaft“ einen nicht überbrückbaren Gegensatz darstellen. Soll heißen: Wer von Gott spricht als von einer Größe, die im eigenen Leben einen gewissen (vielleicht sogar entscheidenden) Stellenwert hat, der hat seine Vernunft oder seinen Verstand offenbar am Eingang an der Kirchentüre abgegeben. Dabei ist der Konflikt zwischen Glauben und Wissen ist nichts Neues: Die neuzeitliche Wissenschaft wollte im 18. Jahrhundert so vorgehen, „als ob es Gott nicht gäbe“ („etsi deus non daretur“) – für die damalige Zeit ein revolutionärer Gedanke. Aber den Glauben an Gott gab man damit nicht auf. Man schob ihn nur methodisch erst einmal beiseite, weil man ihn nicht heranziehen wollte zur Erklärung der zur Weltzusammenhänge.
Der Versuch hieß: Wie kann man die Zusammenhänge in der Welt verstehen, wenn man nicht bei jedem Verständnisproblem und jeder Wissensgrenze sagen will: „Gott ist die Ursache“? Doch das Vorhaben von Immanuel Kant und anderen, zwischen Wissen und Glauben zu unterscheiden, wurde in späteren Jahren mehr und mehr abgelöst durch einen Allmachtsanspruch des Wissens, das meint, auf den Glauben ganz schlicht verzichten zu können. Die zwei Jahrhunderte seit der Aufklärung sind von diesem Konflikt bestimmt. Und ebenso die Art und Weise, wie wir heute von Gott sprechen – oder eben nicht.
Wir reden von Gott in einer Welt, die ganz gut ohne ihn auskommt. Wenn überhaupt von Gott geredet wird, dann geschieht das meist im Umfeld der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Ich habe selten gehört, dass Erwachsene beim Essengehen, beim Einkaufen, auf der Straße oder im Zug über Gott gesprochen hätten. Und sogar in der Bibelstunde, im Frauenkreis oder bei Gemeindeabenden halten sich viele lieber bedeckt. Es scheint den meisten völlig zu genügen, wenn Pfarrer oder Pfarrerin ihre Gedanken äußern – und die Gemeinde schweigt stille. Von Gott zu reden, das ist Sache der Theologen. Schließlich bedeutet das griechische theologia auch „Rede von Gott.“ Also sollen das die Hauptamtlichen machen, meinen viele. Aber das reicht natürlich nicht. Denn wenn die Beteiligung an religiösen Diskussionen weiter sinkt, wenn kaum mehr Interesse besteht, anderen vom eigenen Glauben zu erzählen, und wenn kaum jemand anderes mehr über Gott spricht, als die Pfarrerinnen und Pfarrer dann fürchte ich, dass uns das Bewusstsein für Gott uns Stück für Stück abhanden kommt.
Eltern und Erzieherinnen, Lehrer und Nachbarn, Paten oder Großeltern sind nicht mehr oft gefragt als diejenigen, die von Gott reden. Und so werden wir zunehmend unsicherer, wenn wir es denn mal wagen, von Gott zu reden. Früher hieß es: Über Geld spricht man nicht. Heute hingegen ist Geld kaum mehr ein Tabuthema. Aber der Glaube. Die Gretchenfrage „Wie hältst Du´s mit der Religion?“ ist ein absolutes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Das merke ich z. B. dann, wenn ich Täuflingseltern die Frage stelle, ob denn die vorgeschlagenen Paten der Kirche angehören. Gelegentlich heißt es dann „Äh, ich denk nicht … der ist schon evangelisch, aber der ist dann mal, glaub´ ich, ausgetreten. Aber – er glaubt schon was ... und er kann so super mit Kindern ..." Dann weise ich darauf hin, dass die Übernahme eines kirchlichen Amtes wie einer Patenschaft leider nicht möglich ist. Denn wer austritt, der distanziert sich ja bewusst von der Kirche und seiner Ortsgemeinde, und das muss ich respektieren. Aber in der Regel stoße ich damit auf Unverständnis oder sogar Ärger. Schon dass ich nachfrage ärgert manche. Die Pfarrerin und die Gemeinde könnten sich doch einfach freuen, dass da ein Kind getauft werden soll. Aber müssen deshalb die beteiligten Erwachsenen bekennen, wie sie zu Gott und zur Kirche stehen?
Ja, das müssen sie. Und das ist sogar wichtig. Denn die Eltern und Paten sind die Vertrauenspersonen der Kirche. Sie erklären sich bereit dazu, das Taufkind auf seinem Lebensweg zu begleiten – auch in Glaubensfragen. Und das ist eine Lebensaufgabe. Wann immer wir Zeugen einer Taufe werden, haben wir die Gelegenheit, innerlich selbst die Tauffrage zu beantworten: „Seid Ihr bereit, das Eure dazu beizutragen, dass dieses Kind als Glied der Gemeinde Jesu Christi erzogen wird? So antwortet: Ja, mit Gottes Hilfe.“ Von Gott reden – das ist ein Bestandteil des Patenamtes und zugleich Aufgabe aller Gemeindeglieder gegenüber den Getauften. Aber wem gegenüber trauen wir uns noch, von Gott reden?
a) Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Erwachsene sich am ehesten trauen, von Gott und dem Glauben zu reden, wenn sie mit Kindern sprechen. Vielleicht, weil es uns Kindern gegenüber leichter fällt, keine komplett „fertigen“, „perfekten“ Antworten geben zu können. Vielleicht aber auch, weil wir im Umgang mit Kindern spüren, was wir selbst uns vom Leben erhoffen: Liebe, Vertrauen, Geborgenheit, Hoffnung usw.
Und weil wir das auch unseren Kindern wünschen und versuchen, ihnen das zu schenken, soweit es uns möglich ist, darum werden wir selbst wieder empfänglich für die Rede von Gott und insbesondere die positiven Dinge, die Menschen mit Gott verbinden. Wenn wir uns auf Kinder und junge Menschen einlassen, dann geht es uns manchmal ganz leicht über die Lippen, von Gott als Liebe, Tröster, Vater oder Beistand und Freund zu reden.
b) Jedes Jahr, wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich ihre Denksprüche aussuchen, staune ich über manche Auswahl. Da finden sich ganz steile, theologische Aussagen wie z.B. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Fast alle Denksprüche, die zur Konfirmation auch dieses Jahr ausgewählt wurden, sind Mut-Mach-Texte fürs ganze Leben, die ganz kraftvolle Worte für Gott verwenden. Mehrere entschieden sich für:
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Ein anderer sagte: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ – das ist mein Spruch. Da konnten wir uns plötzlich ohne Scheu darüber unterhalten, wieso das „sein Spruch“ ist. Darüber, was er schon erlebt hat, dass dieser Vers zu ihm passt. Und wir landeten in einem Gespräch darüber, wie „Gott“ inhaltlich gefüllt ist für diesen Konfirmanden. Was er und die anderen mit Gott verbinden und was der Gottesbegriff für sie bedeutet.
Das sind „highlights“, liebe Gemeinde! Denn solche Gespräche kommen nicht oft vor. Nicht einmal mit Kollegen und Kolleginnen.
Was sagen wir aus über Gott? Den Begriff „Gott“ zu füllen, inhaltliche Aussagen über ihn zu treffen, davor scheuen viele zurück. Möglicherweise aus Ehrfurcht, möglicherweise auch aus Bequemlichkeit. Wahrscheinlich vor allem deswegen, weil wir nicht daran gewöhnt sind, theologische Aussagen zu formulieren. Wie reden wir also von Gott?
a) Hoffentlich nicht mehr so, wie ich es in meiner Zeit als Kinderkirchhelferin erlebt habe: Da habe ich von langjährigen Helfern ein Lied „geerbt“, das die Kinder angeblich gerne sangen, weil es „schmissig“ war. Der Text lautete (u.a.)
Pass auf, kleines Auge was du siehst.
Denn der Vater im Himmel schaut immer auf dich,
drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!
Da gab´s dann u.a. noch die Strophen:
Pass auf, kleines Ohr, was du hörst
Pass auf, kleine Stirn, was du denkst.
Pass auf, kleines Herz, was du glaubst!
Und zum Abschluss:
Pass auf, kleines Ich, werd nicht groß!
(zitiert nach dem Kinderliederbuch "Mit frohem Klang", Siegen 1977)
Das Lied habe ich ganz fix aus dem Repertoire der Kinderkirche gestrichen. Weil so ein Text, oder auch Redewendungen wie "Der liebe Gott sieht alles!" mir Bauchschmerzen bereiten. Denn da drin steckt der Versuch, Gott als Erziehungsmittel in letzter Instanz zu missbrauchen. Ich kann aber den Gott des neuen Bundes nicht als Ordnungshüter und Aufpasser sehen, der uns im „Big-Brother-Stil“ ständig überwacht.
b) Daneben hält sich hartnäckig die Rede vom „lieben Gott“ – nicht nur gegenüber Kindern. Und das macht mich auch nicht viel glücklicher. Die Formulierung „der liebe Gott“ im Sinne von „der harmlose Gott“, der zahnlose Gott mit Bart, der weit weg von aller Welt sitzt, ohne Einfluss und ohne Interesse, die erscheint mir ebensowenig treffend. Ich vermute, dass wir aus Bequemlichkeit gelegentlich so von Gott reden. Denn vom Kreuz zu reden, das doch das christliche Symbol schlechthin ist, halten wir kaum aus. Unbequeme oder schwierige Bibeltexte werden gelegentlich mit „Weichzeichner“ nachgezeichnet und etwas gefälliger gemacht, wenn man sie schon nicht ganz aussortieren kann. Das Abgründige, Unbegreifliche wird gerne verdeckt. Und vom „süßen Jesu“ und „holden Knaben im lockigen Haar“ lässt sich´s natürlich besser singen, als vom gemarterten Delinquenten am Kreuz. Den gnädigen und barmherzigen Gott bemühe ich in meinen Predigten natürlich auch viel lieber, als den „eifernden Gott, der da heimsucht die Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied“.
c) Welche Möglichkeiten bleiben also? Gott ist nicht der strenge Generalsgott, der Überwacher – und auch nicht der harmlose Alte ohne Biss. Er ist derjenige, der uns vom Anfang bis zum Ende unseres Lebens begleitet – und darüber hinaus. Er ist der, der uns auch für trostlose Stunden zugesagt hat, dass er uns zur Seite steht. Darum kann ich von Gott als wahrem „Freund“ und „Wegblegleiter“ reden – auch angesichts des Todes. Auch unter dem Kreuz. Auch jetzt, in der Passionszeit. Zu diesem Thema, der Frage nach Gottes gegenwart im Leiden, hat sich Pfarrer Steffen Kaltenbach Gedanken gemacht, den Sie ebenfalls in dieser Predigtreihe hören können.
Neben inhaltlichen Überlegungen ist es oft auch eine Frage des Geschmacks, wie wir von Gott reden. Ich gebe zu, ich zucke zusammen, wenn in einer Predigt so „starke“ Sätze fallen wie:
„Gott will, dass Du dich ihm ganz anvertraust. Und wenn du dich ganz auf ihn einlässt, dann wird er dir helfen. Ich habe das selbst erfahren, und du kannst und wirst das auch erfahren.“ Vorsichtigere Formulierungen liegen mit viel eher als solche bekennerischen, manipulativ klingenden Aussagen über Gott. Und ich spüre heftige Widerstände, wenn ich so vereinnahmt werde – auch wenn ich die Sicherheit des Sprechers mitunter faszinierend finde. Vielleicht hofft ja ein Mensch, der so spricht ganz einfach, dass seine eigene Überzeugung auch bei anderen Menschen auf irgendeine Weise zünden wird? Oder es soll mit dieser bekennerischen Wucht alles weggefegt werden, was Menschen hindert, an Gott zu glauben. Vor allem aber gehe ich innerlich auf Abstand, wenn ich jemandem zuhöre, der wiederholt behauptet: „Gott will, dass wir…“ oder „Gott freut sich, wenn…“ oder – noch besser – „Gott wendet sich ab, wo dies oder jenes geschieht“. Bei solchen Aussagen frage ich mich: „Woher wollen wir das denn wissen?“ Legt man Gott nicht viel zu sehr fest mit solchen Aussagen? Zumindest gilt es, vorsichtig zu sein, auf welche Aussagen man Gott festlegt. Es gibt sicher Themen und Thesen, die zur biblischen Überlieferung und zum reformatorischen Zeugnis von Gott passen. Die Gottesebenbildlichkeit und Würde des Menschen gehören z.B. dazu. Da beziehe ich mich auf das abschließende Urteil Gottes im Schöpfungsbericht: Und siehe, es war sehr gut. Darauf verlasse ich mich. Und gehe davon aus, dass das für alle Zeiten gilt.
Im Idealfall wird auch in unserem Reden noch erkennbar, dass Gott für uns immer der freie Gott ist, der oft Unbegreifliche, ja Fremde. Wenn wir von Gott reden, dann müssen wir die Grenze zwischen Mission und Manipulation im Blick behalten. Nicht jeder muss klingen wie ein zweiter Paulus. Dieser Mann, der im Römerbrief äußern konnte: "Ich bin gewiss, dass uns nichts "von der Liebe Gottes scheiden kann" (Röm 8, 38f). Das ist einer, der sich überhaupt nicht scheut, von Gott und von seiner Glaubensgewissheit zur reden. Ein faszinierender, entflammter Apostel! Aber eben – Paulus, der Apostel. Und kein Kollege aus der württembergischen Pfarrerschaft. Es kann problematisch sein, wenn wir im ganz persönlichen Bekennerstil über Gott reden. Denn es birgt die Gefahr, Menschen die Botschaft von Gott wie einen nassen Waschlappen um die Ohren zu hauen, statt sie ihnenn hinzuhalten wie einen warmen Mantel. Mit einem allzu sicher auftretenden, „wissenden“ und entschiedenen Reden von Gott kann man seine Zuhörer nicht nur beeindrucken, sondern vielleicht auch so beeinflussen, dass sie unsere Redeweise 1:1 zu übernehmen. Sozusagen überreden statt überzeugen. Dabei sollte unser Reden von Gott doch darauf zielen, dass andere Menschen selbst, in eigener Freiheit, an Gott zu glauben beginnen. Und dass sie das womöglich in eigene Worte fassen. Reden von Gott durch Geschichtenerzählen („Story-Telling“). Wie kann man also von Gott so reden, dass es einerseits Gottes Freiheit und Fremdheit respektiert, andererseits aber auch für möglichst jeden Zeitgenossen verständlich wird? In Anlehnung an einen meiner Lehrer im Studium (Dietrich Ritschl) möchte ich sagen: Von Gott kann ich nur reden, wenn ich die Geschichten früherer Menschen und das, was sie an Erfahrungen mit Gott bezeugt haben, mit meiner eigenen Lebensgeschichte in Beziehung bringe.
Also: Von Gott zu reden bedeutet immer auch, Geschichten zu erzählen. Biblische Geschichten. Geschichten von Israel und seiner Erwählung durch Gott. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Geschichten von den Propheten, von Jesus und von den ersten Gemeinden der Christenheit. Geschichten, in denen tatsächlich auch wir, heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mit unseren eigenen Themen vorkommen. Die Bibel enthält einen riesigen Schatz solcher Geschichten. Geschichten, die bezeugen, dass Gott kein fern über allem schwebender Herrscher ist, sondern ein Gott, der Beziehung zu den Menschen aufgenommen hat. Genauso haben wir es ja gehört in der Lesung (2. Mose 3, 1-15), wo Gott sich dem Mose selbst vorstellt: „Ich bin der ‘Ich-bin-da’ ... So sag zu den Israeliten: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so soll man mich nennen in allen Generationen“ (Ex 3,14f). Allerdings gebe ich zu, dass die biblischen Geschichten häufig in eine Sprache gekleidet sind, die wir erst einmal für uns übersetzen müssen.
Z. B.: Was bedeutet es, wenn wir die 10 Gebote nicht nur als Pflicht-Lernstoff im Konfirmandenunterricht betrachte, sondern als Leitfaden für mein Leben in Verantwortung vor Gott? Und welchen Ernst bekommt dadurch das, was wir tun oder lassen?
Oder: Wenn wir die Gleichnisse vom Gottesreich lesen und die Hoffnung auf Veränderungen der Welt auch für unsere Weltvorstellungen übernehmen – Was wird dann wichtig – und was wird unwichtig? Reden von Gott – selbst-redend. Von Gott zu reden ist schwerlich möglich, ohne sich selbst zu diesem Gott in Beziehung zu setzen – positiv oder negativ.
Im Islam gibt es ein schönes Symbol dafür.
So kennt der Islam z.B. neunundneunzig Gottesnamen („die 99 schönen Namen Allahs“). Der Überlieferung nach muss ein Mensch den Einhundertsten selber finden. Dahinter steht die Erkenntnis, dass alles Reden von Gott immer nur ein individuelles und zeitbezogenes Reden sein kann. Eine persönliche Beantwortung, die mit der eigenen Biografie und Sozialisation in engem Zusammenhang steht. Der 100. Name mag bei jedem/ jeder anders lauten. Und das passt sehr gut zu der Vielfalt, mit der in der Bibel von Gott gesprochen wird. Von Gott zu reden darf deshalb unfertig und lückenhaft bleiben. Schließlich sind wir selbst ja (hoffentlich) auch noch längst nicht „fertig“. Über Gott zu reden ist und bleibt es schwierig – weil das Ringen um eine eigene Position Mühe macht. Weil Stellung beziehen muss, und weil man sich angreifbar macht.
Weil man dafür gelegentlich als einfältig und konservativ abgestempelt wird. Aber es kann sich lohnen, nicht zuletzt für unsere Kinder, die sich – wie so vieles – auch das Reden von und über Gott bei uns abgucken.
Hier in der Murrhardter Gegend haben wir keinen Grund, das Christentum und das christliche Abendland bedroht zu sehen, weil der Islam uns gefährlich wird oder die Moslems überhand nehmen. (Das sieht in Bethlehem ganz anders aus.) Aber vielleicht sollten wir nicht unterschätzen, wie stark unsere christlichen Traditionen bedroht sind, weil so viele Menschen von Gott und Kirche keine Ahnung haben, oder höchstens vage, oft genug völlig falsche Vorstellungen. Die Gefahr, dass Gott keine Rolle mehr spielt, und dass wir das Reden von Gott ganz verlernen, diese Gefahr sehe ich in erster Linie gegenüber denen, die gar nicht oder falsch informiert sind, die das Christentum verunglimpfen oder die Halbwahrheiten verbreiten. Wer soll da die Dinge ins rechte Licht rücken – wenn nicht wir? Dazu müssen wir miteinander im Gespräch bleiben. Auch über Gott.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.
Amen
Steffen Kaltenbach:
Wo warst du, Gott?
Liebe Gemeinde,
mit der Frage: Wo warst du Gott? reißt nicht weniger auf als der bange Verdacht oder die kühle Feststellung: Gott ist nicht da. Gott ist abwesend. Hat sich verabschiedet. Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Ja, ganz sicher, es kann ihn gar nicht geben, sonst hätte er da sein müssen, sonst müsste er immer und überall da sein.
Gott und seine Abwesenheit: Das passt nicht zusammen. Entweder ist er da oder es gibt ihn nicht.
Theologen und Philosophen haben über Jahrtausende an dieser Frage zu kauen gehabt. In umfassenden Theorien haben sie auch die hintersten Winkel des Menschen möglichen Wissens auszuforschen versucht, auch im Blick auf die Frage nach Gott. Und so kommen verschiedene Antworten zusammen, wenn man alle Theorien der Welt nebeneinander legt.
Theorie. Das griechische „Theoreo“ meint: „Ich schaue an.“ Wissenschaftliches „unter die Lupe Nehmen“ erfordert unvoreingenommene Betrachter mit einem kühlen Kopf. Was aber, wenn die Frage „Wo warst du, Gott?“ nicht Gegenstand nüchterner Betrachtung ist, sondern Ausdruck ohnmächtiger Verweiflung?
Wo warst du, Gott? Die Frage war vor fast einem Jahr an der Albertville-Realschule in Winnenden auf mehreren Schildern zu lesen. Neben dem „Wieso?“ und dem „Warum?“ lag die Frage „Wo warst du, Gott?“ Mit den Kartons, auf denen die Frage geschrieben stand, lagen Menschen am Boden, in deren Leben das Unfassbare so brutal hereingebrochen ist.
Und mit den Menschen lag der Glaube am Boden, der Glaube an einen Gott, der da ist, der für eine oder einen da ist, gerade dann, wenn man ihn braucht.
Winnenden und Wendlingen, das ist für viele theoretische Anschauung aus der Distanz, vermittelt durch Medien. Für andere ist das, was in Winnenden und Wendlingen geschah, bittere, brutale Wirklichkeit in ihrem ganz persönlichen Leben.
Etwas völlig Anderes als die wissenschaftliche oder medial vermittelte Betrachtung der Abwesenheit Gottes ist die persönliche Erschütterung, in der Menschen einen letzten Halt suchen, und diesen Halt suchen sie vielleicht bei Gott. Und Gott dreht die Uhr nicht zurück, er bietet kein „wird schon wieder gut!“ Er bietet noch nicht einmal eine Erklärung für das Unfassbare.
Gott fordert heraus zu der Frage: “Wo warst du, Gott?“ Gott lässt sich in Frage stellen: Wo warst du? Warst nicht da, als wir dich gebraucht hätten! Warst nicht dort, wo wir dich gebraucht hätten! Hast dich zurückgezogen auf die Sonnenseite des Lebens? Lässt uns allein mit unserer Not? Gibt es dich überhaupt?
Wo warst du, Gott? Wer im eigenen Leben die Ohnmacht erleiden, die Hilflosigkeit erleben und das allein Zurückgelassensein beim Tod des liebsten Menschen spüren musste, kann mit der Frage etwas anfangen: Wo warst du Gott? Wer Mobbing erlitten hat, wer schon an Ungerechtigkeit verzweifelt ist, wer sich immer wieder neu geplagt erlebt, kann mit der Frage etwas anfangen: Wo warst du Gott?
Behält Hiob recht mit seinem Schrei der Verzweiflung: „Warum kommt Gott nicht (Hiob 3, 21)? Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich? (Hiob 6,13)“
Hiob ist so verzweifelt, dass er sich nichts anderes wünscht als den Tod! Leben in der Sackgasse, in der Ausweglosigkeit, weil Gott nicht da ist?
Gott ist nicht da, für Hiob nicht und noch nicht einmal für seinen eigenen Sohn. So zumindest
könnte man die Passionsgeschichte lesen.
Wo warst du, Gott? Als Christus in Getsemane alle Einsamkeit der Welt zu spüren bekam?
Wo warst du Gott? Als sie deinem Sohn ins Gesicht gespuckt und geschlagen haben?
Wo warst du, Gott, als die Treusten ihn im Stich gelassen haben?
Wo warst du, Gott, als er gegeißelt und verspottet wurde?
Wo warst du Gott, als Jesus eiskalt distanziert zum Tod verurteilt ward?
Wo warst du, Gott, als er schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Wo warst du Gott? Gibt es darauf keine Antwort?
Hiobs Freunde und zahlreiche Theologen nach ihnen vertreten die ganze Menschheit mit ihrer Suche nach Antworten. Sie überlegen:
- Wie kannst du kleiner Mensch es wagen, Gott so anzuklagen?
- Satan, der Teufel, sucht sich im Ringen mit Gott seine Opfer, das eigentliche Opfer ist Gott selbst.
- In Gott selber steckt eine dunkle Seite, die bei all dem Guten auch das Böse schafft.
- Alles ist eine Prüfung Gottes. Bleib stark im Glauben, dann kommen wieder bessere Zeiten.
- Erinnere dich an die guten Zeiten, dann sind die Schweren auch aus Gottes Hand anzunehmen.
- Gott weist dich zurecht mit deinem Unheil. Komm zurück auf seinen Weg.
- Gott verletzt und verbindet; er zerschlägt und seine Hand heilt.
- Gottes Weisheit ist tiefer als alle menschliche Erkenntnis.
Antwortversuche auf die Frage: Wo warst du, Gott? Antwortversuche, die mich vielfach nicht zufriedenstellen.
Elie Wiesel, Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger und Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, erzählt mit beklemmend knappen Worten von einer Hinrichtung im Konzentrationslager. Die grausigsten Schilderungen habe ich beim Abschreiben weggelassen. Er schreibt:
„Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen… Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen.
Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz.
Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt. `Es lebe die Freiheit!´, riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg. `Wo ist Gott, wo ist er?´, fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerkommandanten kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. `Mützen ab!´, brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. `Mützen auf!´ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. … Aber der dritte Strick hing nicht regungslos: der leichte Knabe lebte noch… … Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüberschritt. … . Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: `Wo ist Gott?´ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: `Wo er ist? Dort - dort hängt er, am Galgen…´. “
(Elie Wiesel: Die Nacht zu begraben. Elischa. Esslingen 1962, S. 92ff.).
Wo warst du, Gott? Für mich gibt es eine vorläufige, aber gewisse Antwort, spätestens seit sich Gott in seinem Sohn am Kreuz von Golgatha mit allen Leid tragenden Menschen verbunden hat: Gott stellt sich an die Seite der Opfer. Ja er ist erkennbar in den unschuldig Beschuldigten und Verurteilten, in allen, die die Ungerechtigkeit am eigenen Leib erfahren müssen, in den Menschen, die Leid aushalten müssen, in allen, denen die Hoffnung abhanden kommt. Gott ist da, wo Gottes spürbare Nähe fehlt. Ja, es klingt absurd: Gott ist da, wo Gott fehlt.
Wo warst du, Gott?
Wenn die Antwort heißt: Am Kreuz von Golgatha, dann müssen weitere Antworten folgen:
Gott war am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen.
Gott starb 1940 in der Gaskammer von Grafeneck.
Gott litt Todesängste in Auschwitz, Buchenwald und Plötzensee.
Gott hatte keine Chance in Stalingrad, Gott litt im zerbombten Coventry und im brennenden Fornsbach.
Gott hungert in Darfour, in Haiti und in Bangladesh.
Gott trauert im Gesicht der Mutter, in den kraftlosen Armen des Vaters, die ihr Kind zu Grabe tragen. Gott verstummt im Mund der Frau, die ihren Mann beweint. Gott kämpft zwischen Wut und Ohnmacht in dem Jungen, der von anderen fertig gemacht wird. Gott sucht nach Halt in dem Mädchen, das an sich selbst verzweifelt. Gott schreit nach Liebe in dem Menschen, der sein Leben loslassen muss.
Wo warst du Gott?
Gott war immer schon da. Und er wird wiederkommen. Und dann wird er alle Tränen abwischen, und kein Leid, kein Geschrei, kein Tod wird mehr sein.
Billige Vertröstung auf eine unsichere Zukunft? Vollmundiges Fantasieprodukt einer verzweifelten Seele?
In wenigen Wochen ist Ostern. Weil Jesus Christus lebt. Er ist der Erste. Und er wird nicht der Letzte bleiben.
Wer an das Leben glaubt, kann in aller Zerrissenheit und Enttäuschung neu Hoffnung fassen. Wer dem Gott des Lebens vertraut, macht sich und anderen Entmutigten Mut zum Leben.
Wo der Glaube an den leidenden und Leben schaffenden Gott aufkeimt, werden jetzt schon Tränen abgewischt, Trauernde getröstet und Einsame bleiben nicht allein.
Wo der Glaube aufkeimt, begegnen Verzweifelte dem Menschen liebenden Gott an ihrer Seite.
Amen
Jörg Schneider:
Wen sehen wir, wenn wir uns ein Bildnis Gottes machen?
Liebe Gemeinde,
bei der Freizeit mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden waren wir im Januar auf dem Michaelsberg bei Cleebronn. Im Speisesaal hängt dort oben – es ist ein ehemaliges Kloster mitten in lieblicher Landschaft – ein ziemlich großer, sehr realistischer Christus am Kruzifix. Er ist blutig, die Haut ist grau. Kein schöner Anblick – und das soll er auch nicht sein. Eine Konfirmandin empörte sich: Gilt nicht das Bilderverbot: „Du sollst dir kein Bildnis machen“?! Ja, es gilt. Es steht an prominenter Stelle, in den 10 Geboten. Und nicht nur dort. Viele Propheten haben es dem Volk einzuschärfen versucht: „Du sollst dir keine Abbilder machen!“
Und doch: Ohne Bilder können wir Gott nicht verehren, nicht mit ihm und über ihn reden. Die Bibel beinhaltet Beschreibungen Gottes, die wunderbare Bilder sind. Ohne sie hätten wir keine Vorstellung von dem, was Gott tut und wer er ist – wie der Vater, der Schatten über meiner rechten Hand, der König.
Das Bilderverbot bezieht sich auf eine bestimmte Art von Bildern. In den 10 Geboten heißt es: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, bin ein eifernder Gott.“
Und genau in dem Moment, in dem Moses dieses Gebot auf dem Berg Sinai vom Finger Gottes auf Steinplatten geschrieben erhält, gießen unten am Fuß des Berges die Israeliten ihren Goldschmuck um. Sie fabrizieren ein goldenes Kalb – in eine Darstellung Gottes als Stier.
Das ist die schier unerträgliche Spannung: Ein unsichtbarer Gott, der im Dunkel wohnt, der nur in seinen Wirkungen erkennbar ist, kein Bildnis, Nichts, Dunkel, Leere – und dagegen ein Tier aus Stärke, Fruchtbarkeit, Unbedingtheit, Masse, Wildheit, Kraft. Im Stier wird doch Gott klar und deutlich, denken die Menschen.
Und noch die andere Spannung: Der Stier ist nur ein Bild, und nicht Gott selbst. Ein Bild, nichts Unmittelbares, Direktes. Nur eine Sicht eines Kunsthandwerkers, kein Hinweis auf den lebendigen Gott.
Der Gegensatz ist dieser: lebendiger Gott gegen totes Material, Wort Gottes gegen Wunschvorstellung.
Die Propheten machen sich ätzend lustig. Wie kann man nur so idiotisch sein, ein Stück Metall oder Holz anzubeten und von ihm Heil erwarten? Jesaja höhnt: “Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.“
Jesaja macht sich lustig über die Götterbildschnitzer: Sie teilen einen Holzblock, auf der einen Hälfte braten sie Fleisch, aus der anderen Hälfte machen sie eine Statue. Was ist dieses tote Holz, das besser ganz zum Braten dienen würde, gegen den lebendigen Gott. Ein Psalm sagt, wie tot solche Bilder sind: „Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, von Menschenhänden gemacht. Sie haben Mäuler und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht, sie haben Nasen und riechen nicht, sie haben Hände und greifen nicht, Füße haben sie und gehen nicht, und kein Laut kommt aus ihrer Kehle. Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich, alle die auf sie hoffen. Aber Israel hoffe auf den Herrn! Er ist ihre Hilfe und Schild.“
Und dann hängt da ein Kruzifix, es mag auch wackeln, schlecht befestigt sein, Spinnweben glänzen im Morgenlicht, es mag auch nichts sagen, nichts hören. Nein, aber es sagt uns doch etwas. Es fragt: Wen siehst du? Wen hast du erwartet? Einen Gott, der vom Kreuz herabsteigt und die Quäler verspottet? Einen Gott, der über die Erde fegt und reinen Tisch macht, im Großmaßstab einer Tempelreinigung?
Ein Bild, das Bilder in Frage stellt. Ein Gegenbild zu unseren Wunschbildern. Ein Gegenbild zu den goldenen Stierbildern. Ein Gegenbild zu revolutionären Hoffnungen auf Änderungen durch Gott. Ein Gegenbild zum guten Appetit und zu den Tischsitten. Ein Gott, der den Appetit vielmehr verdirbt und fragt: Was brauchst du zum Leben, zum
ewigen Leben?
Als Luther 1522 auf der Wartburg festsaß, weil er in Reichsacht war, also jederzeit gefangen genommen und als Ketzer verurteilt werden konnte, startete in seiner Stadt Wittenberg eine Revolution: Ein Prediger setzte das Bilderverbot konsequent um. Alles, was das Auge ablenkte, alles, was als Kultbild verehrt wurde, wurde verhackt und verbrannt, die bunten Glasfenster, welche den Raum und die Erkenntnis verdunkelten, wurden rausgeschlagen und klares Glas eingesetzt, die lateinische Sprache der Messe wurde durch die deutsche ersetzt. Klarheit statt mystischer Dämmer, Hören und Verstehen statt Fühlen. Das geschah binnen weniger Tage, und die Gemeinde sollte sich schnellstens umgewöhnen. Eine theologische Erkenntnis sollte sofort radikal umgesetzt werden, allen Gläubigen einleuchten und sozusagen funktionieren. Das tat sie nicht, die Menschen protestierten lautstark gegen die mächtige Theologenwillkür. Da hatten die Gläubigen einen Punkt des Protestantismus begriffen: Zuerst nachdenken und dann das Gute behalten.
Luther eilte von der Wartburg, um diese Revolution gegen die Bilder zur Reformation der Kirche umzubiegen. Gewalt ruft nur Gewalt hervor. Radikalität endet nur früher oder später in der Katastrophe. Luther argumentierte in Predigten zum heutigen Sonntag Invokavit, dass es nicht auf die Bilder ankomme. Gottes Wort setzt sich selbst durch, nach seinem eigenen Ermessen, ohne Gewalt. Man kann die Wirkung des Wortes nicht durch Revolution beschleunigen. In der Zwischenzeit sollte man überlegen, was dem Wort angemessen ist.
Eine Folge von Luthers Eingreifen in die Revolution von Wittenberg sehen Sie in vielen evangelischen Kirchen, zum Beispiel in Schwäbisch Hall. In Sankt Michael sind viele Altäre aus alter Zeit stehengeblieben, und ein großes Kruzifix hängt von einem Gewölbebogen herab. Lauter Bilder, die wir uns von Gott machen. Die Bilder sind keine Kultbilder, sondern Korrektoren unserer Wunschbilder von Gott.
Vor allem das eine Bild: Der Gekreuzigte. Er steht deshalb in evangelischen Kirchen meist sichtbar am Altar. Gegen diese Zumutung müssen sich unsere liebgewonnenen und durchaus biblischen Bilder bewähren – das Bild vom guten Hirten, das Bild vom gütigen Vater, das Bild vom Schatten seiner Flügel, unter dem wir Schutz finden. Jesus Christus sagt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9). Unsere Bilder von Jesus Christus bestimmen unser Gottesbild.
Ich bin in Schramberg im Schwarzwald aufgewachsen. Das Hauptfenster der dortigen Kirche ist gestaltet – die Bergpredigt auf einer grünen Wiese. Ein gütiger jüngerer Mann auf einem Stein, unter dem eine Quelle entspringt, umringt von Menschen jeden Alters in Schwarzwaldtracht. Schön, sehr schön. Die Darstellung ist aber nur wahr, wenn sie zusammen mit der ganzen Geschichte dieses Mannes, der Jesus ist, gesehen wird. Der Evangelist Johannes sagt das so:
„Und das Wort ward Fleisch [also Mensch] und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (1,14). Gott wurde Mensch und wir sahen seine Gottheit in seinem Leben, Sterben, Auferstehen, in seinen Heilungen, aber auch in seinen unbedingten Forderungen. Es gibt nicht nur ein Bild von Jesus Christus, sondern viele, und es nicht einfach, alle zusammen zu bringen. Denn weil Gott Mensch geworden ist, vereinigt er alle Aspekte des Menschseins und bringt viele Bilder hervor. Für uns werden je nach Situation bestimmte wichtig. Der Bruder Jesus, wenn wir uns allein fühlen. Der Mittler zu Gott, wenn wir beten wollen. Der Beter, wenn wir nach Worten ringen. Der Angefochtene im Garten Gethsemane, wenn wir am Leben und an Gott verzweifeln. Und viele andere mehr.
Wir
sahen seine Herrlichkeit, seine Gottheit, betont Johannes. Bevor wir uns ein Gottesbild machen, sollten wir betrachten. Die Kunst ist, zuerst zu schauen – auf den Gekreuzigten und auf den Auferstandenen. „Komm und sieh“, sagt Jesus zu denen, die ihm nachfolgen wollen. Mache dir ein Bild erst, wenn du erfahren hast, um was und wen es geht. Oder genauer: Korrigiere deine Bilder ständig an dem, was du erkennst und glaubst.
Mit solchen Bildern lässt sich leben. Mit solchen Bildern lässt sich geistlich leben – wir können es gar nicht anders. Sie sind wahr. Sie entsprechen Gottes Wort. Man kann sie nicht anbeten, sondern nur mit ihnen verstehen und den Glauben ausdrücken. Wir brauchen sie, um mit Gott zu sprechen. Er redet in der Bibel auch zu uns in Bildern. Er zeigt sich uns in Bildern unserer Sprache. In Vorstellungen aus unserer Welt. Mit dem Bild des Vaters beginnen wir unser Gebet, mit dem Bild des Königs hoffen wir auf die Herrschaft Gottes, mit dem Bild des Hirten auf Bewahrung durch den Tod hindurch.
Da hängt also im Speisesaal ein grausiger Christus am Kreuz. In seiner Gegenwart zu essen ist das höchste Bild. Wir haben Gemeinschaft mit ihm – an jedem Tisch, und im Abendmahl. Komm Herr Jesus, sei unser Gast. Jesus verdirbt nicht den Appetit, sondern weckt einen ganz anderen: Den nach immer angemesseneren Bildern von Gott; und schließlich am Ende der Tage: den Appetit danach, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen!
Amen