
"Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.
Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?
Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.
Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?
Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.
So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut." Lukas 15,1-10
Liebe Gemeinde,
Sie kennen wohl auch die Situation, dass Sie etwas verlegt haben. Es will nicht mehr auftauchen – bis es an einem Platz liegt, an dem Sie schon tausendmal geschaut haben. Brillen haben diese Angewohnheit, Ringe und Schlüssel, Bücher und Visitenkarten – als alles in allem recht persönliche Gegenstände. Bei anderen Sachen fällt Ihnen manchmal gar nicht auf, dass sie fehlen.
Es ist nicht leicht, sich in Gottes Gefühle zu versetzen. Und unser Reden davon, dass wir Gott verloren gehen könnten, ist schwierig – denn Gott kann nichts verloren gehen. Von ihm geht alles aus, und er kennt seine ganze Schöpfung. Dennoch: aus menschlicher Perspektive geht das, und die menschlichen Gefühle geben dem hin und wieder recht: Wir können verloren gehen.
Die einfachste Art, das Verlorensein zu charakterisieren ist eine moralische. Das moralische Verlorensein wird gern als Vorwurf formuliert nach dem Muster: „Wenn du so oder so handelst, dann handelst du gegen Gottes Gebote und deshalb gehst du uns verloren.“ Auf diese Weise wird jemand ausgestoßen. Er wird sozusagen verloren gegangen und verloren gegeben. Solche Urteile gehen von Gruppen aus und haben zunächst mit Gott wenig zu tun.
Verloren gehen kann man einer Gruppe auch anders: Freundschaften können verblassen. Vielleicht hatten Sie mit Klassenkameraden ein inniges Verhältnis – und irgendwann verliert man sich aus den Augen. Die Berufswege trennen sich, ein Teil zieht weg und nimmt eine andere Entwicklung. Trifft man sich wieder, hat man sich wenig zu sagen, es braucht eine lange Anwärmphase, und mit etwas Glück kommt man über den Small-Talk hinaus.
Verloren gehen kann man auch aktiv: Unserer Gemeinde gehen Menschen verloren, weil sie meinen, sie hätten in der Kirche nichts verloren, sie könnten dort also auch nichts finden. Niemand kann daran gehindert werden, einer Kirche auszutreten, einem Verein beizutreten oder auszuwandern. Das gehört zu unserer Zeit, dass dafür niemand belangt wird, sondern dass jeder frei darüber entscheiden kann, ob und wie lange er oder sie wo bleiben möchte. Diese Mobilität hat alle Bereiche erfasst: Familie, Beruf, Lebensstil. Nur die Zeit kann niemand verlassen – und den Körper auch nicht. Und selbst daran wird gearbeitet, damit die Zeit verlängert wird und der Körper verändert.
Die Kehrseite davon ist, dass dauernd gewählt werden muss: Wo will ich jetzt dazu gehören und morgen nicht mehr; welcher Mode sollte ich heute folgen, damit ich angesehen bin, und wann bin ich out? Sollte ich meinen Handyvertrag kündigen und mir ein I-Phone kaufen, weil das alle angeblich so toll finden? Sollte ich einen Trip nach Indien machen, um meinen religiösen Horizont zu erweitern? Soll ich hier die Gemeinde wechseln, weil der Glaubensstil dort oder dort mir besser passt? Oder gleich in die große Gemeinde der Nichtkirchenmitglieder, damit ich alle Fragen nach Gott nur noch mit mir selber ausmachen brauche. Es ist ja unangenehm, so persönliche Fragen in einer Gruppe bedenken zu sollen, eine Zumutung! Eine heilsame Zumutung!
Über diese Wahlfreiheiten kann man sich selbst verloren gehen. Nichts versäumen wollen, alles selbst entscheiden, alles ausprobieren, nach allem greifen, was die Welt bereit hält: das heißt auch: wie auswählen, was hält; wie eine Linie finden, die zur Lebenslinie werden kann?
Sich selbst verloren gehen oft Menschen, die meinen, sich erst recht selbst zu gehören. Manche Drogenabhängigkeit beginnt so. Zunächst ein Kreativitätsschub, dann eine schleichende Selbstenteignung. Bis zur Unkenntlichkeit, bis zum Tod.
Sich selbst verloren gehen in den Zweifeln am Leben, an seinem Sinn, am Tod – also an Gott. Weil die Sinnlosigkeit mehr Sinn zu machen scheint als das komplizierte Gerede von Erlösung dann und wann, von Gottes Anwesenheit im Verborgenen.
Sich selbst finden: Selbstfindung. Dagegen ist nichts zu sagen. Das ist sogar ein ganz religiöser Gedanke. Finde dich selbst; Komm zu dir selbst; werde eigentlich; werde wesentlich; erkenne dich selbst – das stand schon in Delphi in Griechenland am Tempel des Gottes Apollo! Finde dich wieder als gläubiger Mensch. Das sind alles Aufforderungen aus alter und neuer Zeit. Die Selbstfindung hat aber viele ganz unterschiedliche Züge gewonnen: Die Selbstfindung ist eher eine Selbsterfindung geworden. Als ob man aus verschiedenen Elementen seinen Glauben basteln könnte. Ein Glaube, der wirklich standhält. So, als ob es zu jeder Lebenserfahrung, die man macht, ein religiöses Gegenstück gäbe. Widerfährt mir Gutes, dann finde ich im Christentum Worte der Liebe Gottes; widerfährt mir Schlechtes, dann finde ich im Buddhismus den Gedanken des Schicksals; widerfährt mir Krankheit und Tod, dann finde ich im Hinduismus den Gedanken der Wiedergeburt.
Die Erfahrung ist trotz der Attraktivität eher eine andere – attraktiv ist ja der Gedanke, dass die Welt und ihre Gedanken zur Verfügung stehen. Doch was hat man gewonnen? Die Anregungen mögen helfen, das, was in einem selbst verschüttet liegt, zu finden. Welche Anregungen in Anspruch nehmen? Die Erfahrung ist vielmehr, dass nur die durchlebten und durchlittenen Wahrheiten halten, und nicht die gelernten.
Wir können versuchen, der Frage anders herum näher zu kommen. Bislang war immer die Rede davon, was zu tun ist. Es gibt Momente, in denen niemand etwas tun muss. Viele Menschen empfinden die Liebe als etwas, das nicht gemacht werden kann. Das Gefühl ist vielmehr, dass man gefunden wird. Man kann einen Partner suchen, aber was passiert, ist letztlich unverfügbar. Es wird gegeben, geschenkt, eingepflanzt.
In religiösen Dingen ist das ähnlich. Man kann und darf sich finden lassen. Die Bibel kennt viele Geschichten von Menschen, die lange warteten, und sie wurden doch gefunden. Sie leben, und plötzlich ist es so weit – und sie haben vorher auch schlecht und recht gelebt, aber ohne das Entscheidende erlebt zu haben – gefunden werden: Den Propheten ging es so. Gott hat sie ausgewählt. Und von Gott gefunden werden, war für manche auch eine Anfechtung. Jeremia wollte zunächst nicht. Die Aufgabe schien ihm zu groß.
Und ein anderer Gedanke: Gott kennt die Seinen. Geht jemand verloren, so nur der „Herde“. Verlässt jemand zum Beispiel die Gemeinde, dann geht er ihr verloren – doch das Gleichnis spricht von Gott. Die Verbindungen reißen zumindest von Gott her nicht ab. Ich weiß, dass manche das nicht gut finden. Solche, die verloren gehen wollen, also ohne Gott leben wollen, wünschen ja keine Verbindung von sich aus. Sie wollen vermeintlich frei sein, ganz autonom, selbst die Gottesbeziehungen formulieren und gestalten oder auflösen.
Vom Standpunkt des Glaubens aus aber ist es gut zu wissen, dass wenn man sich verloren fühlt, es doch nicht ist. In einer Trauerphase; in Zeiten von Verunsicherung, in der Einsamkeit und scheinbaren Gottverlassenheit. Gut zu wissen, dass Gott niemanden verloren gibt, ja jedem sogar nachgeht. Es geht Gott nach, wenn seine Leute verloren zu gehen drohen, er bewegt sich, er tut etwas. Kein Gott, der seinen Menschen nur zuschaut, wie sie sich mühen und verirren. Sondern einer, der diese Irrwege mitgeht, damit er einen finden kann. Da ist das Bild vom Hirten herrlich: Er muss ja alle Felsklüfte und alle Dornhecken absuchen, um sein verlorenes Tier zu finden. Hirten mögen eine gute Intuition haben, sie mögen wissen, wo die häufigen Absturzstellen sind, aber suchen müssen sie trotzdem.
Was tun, wenn man in der Felskluft oder in der Dornhecke steckt? Nichts tun und warten, bis die Hilfe kommt? Nein, das normale ist, zu rufen oder ein SOS abzusetzen. Und in diesem Moment werden die Rufe der Bibel verständlich.
Was wird nicht alles gerufen: Blinde bei Jericho rufen zu Jesus: Heile uns! Petrus, als er auf dem See Genezareth unterzugehen droht ruft zu Jesus: Rette mich! Die Psalmen geben uns Rufe der Hilfe: Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet (Ps 4) oder: Als mir angst war rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel … Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich (Ps 18). Aus der Tiefe, rufe ich, Herr, zu dir (Ps 130).
Und diese Rufe hätten keinen Eingang in die Gebete Israels und der Kirche gefunden, wenn sie keine berechtigte Hoffnung enthalten würden. Diese Rufe werden durch die Jahrhunderte weitergereicht, weil sie Rufe sind, die Gott hört. Als eigene Rufe in unserer Zeit der Verlorenheit sind sie das, was nicht verloren gehen kann – und ich bin gewiss, dass der Hirte nicht taub ist.
Amen