Wer bin ich?



Predigt von Pfarrer Ernst Börkircher über Matthäus 3,13-17: Die Taufe Jesu.
Gehalten am 11. Januar 2009 in der Stadtkirche Murrhardt

"Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Matthäus 3,13-17
 
 
 
Liebe Gemeinde,
 
in unserem Leben kommen wir um die Beantwortung zentraler Fragen nicht herum: Wer bin ich? Wie sehe ich mich? Was ist meine Aufgabe auf dieser Erde? In all diesen Fragen geht es um die Identität. Die Frage nach der Identität betrifft jeden zentral. An ihr hängt durchaus das Wohl und Wehe eines Lebens. Bei der Identitätsfrage geht es darum, ob ein Mensch mit sich selbst im Lot ist, ob er auf unsicherem oder sicherem Grund steht, ob er Lebensliebe aus vollem Herzen kennt.
Das Evangelium von Jesus Christus will nur eines: Menschen einen verlässlichen Lebensgrund schenken. Deshalb beendete Jesus seine Bergpredigt mit den Worten:

„Darum, wer diese meine Worte hört und tut sie, der gleicht einem Mann, der sein Haus auf Fels baute.“
 
Wie sah der feste Grund aus, auf dem Jesus selbst stand und auf welchen Felsen will er uns, die wir an ihn glauben, stellen? Sehr wahrscheinlich musste Jesus sich genauso wie alle anderen Menschen nach einem verlässlichen Fundament umtun. Wäre Jesus dieser zentralen Frage nach dem Fundament des Lebens als Gottessohn einfach enthoben gewesen, dann hätte er auch das oft verzweifelte Ringen der Menschen um Identität nicht nachvollziehen können. Nur weil Jesus genauso versucht und herausgefordert war wie alle, konnte er den Menschen auch zum Heiland werden. Dass Jesus versucht war wie alle Menschen, davon erzählt sofort nach seiner Taufe die Versuchungsgeschichte
 
Also, auch Jesus war aller Wahrscheinlichkeit nach als junger Mann auf der Suche nach einem gegründeten und sinnvollen Leben, nach Gott. Diese Suche führte ihn zunächst einmal in die Synagoge seines Heimatortes Nazareth. Es ist nahe liegend, dass er dort als junger Mann am gottesdienstlichen Leben, wie es üblich war, Anteil nahm. Im Lukasevangelium lesen wir ja folgende Sätze aus der Anfangszeit des Wirkens Jesu:
 
„Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge.“
 
Jesus hatte sich mit ziemlicher Sicherheit zuerst sozusagen mit seiner Kirche am Ort auseinandergesetzt. Doch Jesus war offensichtlich nicht von dem überzeugt, was er dort hörte und erlebte. Die Antwort, nach der er suchte, fand er nicht im Umkreis der Pharisäer und Schriftgelehrten der Synagoge. Deren kleinlicher Gesetzesgehorsam war für ihn kein gangbarer Weg.
 
Aufschlussreich ist auch, dass Jesus bei seiner Suche auch nicht im Tempel zu Jerusalem anzutreffen war.
Jesus hatte wohl inneren Widerstand gegen den Tempelkult. Ihm waren die vielen Tieropfer, der überaus rege Handel im Tempel und vor allem die Verquickung von Religion und Politik suspekt.
Abgelehnt hatte Jesus auch den Weg der Gewalt, den Weg der Zeloten, die immer wieder neu Aufstände gegen die römische Besatzungsmacht wagten.
 
Jesus wurde an anderer Stelle fündig.
Viele Menschen zog es hinaus zu Johannes dem Täufer an den Jordan. Auch Jesus wurde von diesem radikalen Mann angezogen, der jegliche Ungerechtigkeit schonungslos anprangerte und vor niemandem zurückscheute.
Bot Johannes der Täufer für Jesus einen gangbaren Weg? Ja und nein. Ja deshalb, weil in Johannes die alte prophetische Tradition noch einmal auflebte. In dieser Tradition ging es immer um fundamentale ethische Verhaltensweisen. Johannes der Täufer erneuerte die Worte eines Jesaja der seinem Volk und seinem König zurief: „Brich dem Hungrigen dein Brot und die im Elend und ohne Obdach sind, führe ins Haus.“
Der prophetischen Tradition ging es immer um gerechtes mitmenschliches Verhalten und eben nicht um äußerliches Einhalten von Fastentagen, Feiertagen, Speise- Reinheits- und Opfergeboten.
Auch Jesus ging es immer um dieses fundamentale mitmenschlich gerechte Verhalten: In seinem Weltgerichtsgleichnis formulierte er zusammenfassend: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dennoch war Jesus anders als die Propheten und anders als Johannes. Und dieses Andere geschah in seiner Taufe.
 
Als Jesus an den Jordan kam zu all den Menschen, die auch die Taufe des Johannes begehrten, war auch er wie diese von den Umständen seiner Zeit herausgefordert und auf der Suche. All diese Menschen am Jordan waren verunsichert. Sie litten wirtschaftlich massiv unter der Römerherrschaft. Sie misstrauten den Institutionen ihrer Zeit, die keinen Ausweg weisen konnten. Sie erhofften sich alle ein baldiges Eingreifen Gottes, das die Wende bringen sollte. Durch die Taufe und durch ein untadeliges Leben wollten sie dann von Gott als gerecht befunden werden.
Als Jesus zu Johannes in den Jordan zur Taufe hinabstieg, spürte Johannes die Gegenwart Gottes in Jesus und wollte sich von ihm taufen lassen. Doch Jesus wehrte ab. Er wehrte ab, weil Jesus sich gerade von Gott her ganz und gar in das menschliche Leben eingereiht wusste. Jesus wollte nie ein hervorgehobenes Sonderleben führen und hat sich nie an Machtspielen beteiligt. Er war vielmehr dort, wo Menschen ihn in den vielfältigsten Nöten brauchten.
Als Jesus aus dem Wasser des Jordan auftauchte, in das er von Johannes hineingesenkt worden war , geschah das Wunder, das Wunder Gottes, das die Zeitenwende markierte. Es geschehen Wunder durch die danach ein Mensch nicht mehr derselbe ist. Niemand kann sie willentlich herbeiführen. Sie sind ein Geschenk Gottes.
Mit dem Wasser, das von Jesus herabfloss, wichen alle seine Fragen und die Unsicherheiten seiner Zeit. Seine Suche war zu Ende. Er erlebte wie sich der verhangene oder gar verschlossene Himmel über ihm öffnete und der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabfuhr.
 
Wenn der Himmel über einem Menschen aufgeht, dann ist dies immer ein Wunder. Dann fallen alle Lasten ab, dann hat das Leben eine ganz klare und eindeutige Perspektive, dann verkündet die Taube wie schon bei Noah nach der Sintflut festen Grund, neues Leben und die verlässliche Treue Gottes. Gottes Geist nahm Wohnung in Jesus und er hörte eine Stimme vom Himmel sprechen: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
 
In diesen Worten aus dem Himmel beginnt die Zeitenwende, beginnt das Neue gegenüber der prophetischen Tradition.
Worin besteht es? Es besteht darin, dass Gott sich Christus nicht als zürnender Richter offenbarte, der gerade noch einmal Gnade vor Recht walten lässt. Gott offenbarte sich Jesus als liebender Vater, und Jesus wusste sich als sein Sohn, als sein Kind angesprochen, an dem er durch und durch Wohlgefallen hat. Das Wunder und das Neue, das sich in der Taufe Jesu vollzog besteht darin, dass die Offenbarung Gottes endgültig eindeutig wird. Das Gottesbild im Alten Testament ist nicht eindeutig. Es kennt Zorn, Rache, Eifersucht und Liebe und Barmherzigkeit. Der Gott Jesu Christi ist eindeutig: Er ist und bleibt der Vater seiner verlorenen Söhne und Töchter.
 
Dass die Menschen sich Gottes Gericht zuziehen können, indem sie seine Liebe verwerfen, steht auf einem anderen Blatt. Grundsätzlich ist und bleibt aber der Vater Jesu Christi dem Menschen voller Liebe und Gnade zugewandt.
Diese Offenbarung und Erfahrung Jesu Christi bei seiner Taufe hat unübersehbare Konsequenzen bis auf den heutigen Tag. Sie ergriff wenig später einen Apostel Paulus und noch viel viel später einen Martin Luther wieder neu. Eine vollständig neue Zugehensweise auf die Menschen kam in die Welt. Johannes der Täufer sprach weiterhin die Menschen als Schlangenbrut an. Jesus dagegen sah von nun an die Menschen als Gottes geliebte KinderDie umfassende Liebe, die er von Gott her erfuhr, privatisierte er nicht für sich sondern erlebte in ihr, die Liebe Gottes zu all seinen Menschenkindern. Diese Erfahrung war derart erschütternd, dass er von nun an allen Menschen diese Liebe Gottes verkünden musste. Nicht anders erging es Paulus und Luther.
 
Es ist diese erfahrene Liebe Gottes, die Jesus seine Identität, seinen absolut verlässlichen Grund gab. Es ist diese erfahrene Liebe Gottes zu allen Menschen, die ihn dann später jedem verlorenen Menschen nachgehen ließ.
Diese Botschaft der Liebe Gottes machte Jesus zu einer guten Nachricht im ganzen Land, zum Evangelium Gottes. An dieser Botschaft entscheidet sich noch heute unser aller Leben.
 
Eingangs sagte ich, dass die Identitätsfrage: Wer bin ich? eine entscheidende Frage jedes Menschen sei.
Zunächst ist jeder Mensch von seiner Familie, seinem sozialen, seinem gesellschaftlichen und beruflichen Kontext bestimmt. Jeder begegnet in seinem Umfeld vielerlei Stimmen und Anforderungen. Entscheidend ist, dass all diese Meinungen nicht die letzte Macht und das letzte Wort über das eigene Leben behalten. Nicht die vielerlei negativen wie positiven Stimmen begründen die Identität eines Menschen. Sie haben zweifellos einen sehr großen und mächtigen Einfluss. Das Evangelium aber sagt uns: Nicht die Worte von Menschen sind für dich entscheidend wer du bist, sondern das Wort Gottes. Und dieses sagte in absoluter Verlässlichkeit schon in der Taufe zu dir: „Du bist mein geliebtes Kind, du bist von mir durch und durch angenommen, in Treue gehe ich mit meiner Liebe deinen Lebensweg mit, ich helfe dir, dein von mir geschenktes Leben zu leben.“
 
Wer bin ich? Hat auch Dietrich Bonhoeffer 1944 aus seiner Zelle in einem Gedicht gefragt und geantwortet: „Wer bin ich, einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich o Gott.“ Was sich hier in diesen Zeilen ausdrückt, ist die ganze Übereignung des eigenen Lebens in Gottes Liebe: Dein bin ich o Gott mit allem, was ich bin.
Wer bin ich also? Zuletzt ein Mensch, der sich ganz und gar Gottes Liebe hingibt, anvertraut und sich in sie hinein loslässt.
Ich sehe also mein Leben von Gottes Liebe bestimmt. Ich weiß sehr wohl, dass noch viele andere Mächte von innen wie von außen mein Leben bestimmen möchten. Luther formulierte sehr pointiert im kleinen Katechismus von der Taufe, dass der alte Adam täglich durch Buße ersäuft und wiederum täglich herauskommen und auferstehen müsse ein neuer Mensch. Dennoch, wer auch nur einmal die Eindeutigkeit der Liebe Gottes, seine große Freude und seinen tiefen Frieden empfangen hat, der will und kann nicht mehr hinter all dies zurück.
 
Von der Liebe Gottes her bestimmt sich dann auch die Aufgabe meines Lebens. Nämlich alle meine empfangenen Fähigkeiten und Begabungen in den Dienst der Liebe zu stellen. Wo immer dies geschieht wird eine solide Gemeinschaft begründet, erbauen sich Menschen wechselseitig mit den jeweils empfangenen Gaben, entwickeln sie nachhaltige Strukturen und stiften Frieden.
 
Ich habe schon viele Lebensläufe kennen lernen dürfen. Dabei wurde mir deutlich, dass jeder diese Liebe Gottes, wie sie Christus empfangen und gelebt hat, braucht. Nicht umsonst endet das Matthäusevangelium mit dem Taufbefehl:
 
„Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.“

Kein Mensch kann diese Liebe Gottes entbehren.
Schenke uns Christus seinen Geist der eindeutigen treuen Liebe Gottes.
 
Lasse er auch über unserem Leben den Himmel aufgehen, dass wir eine klare Lebensperspektive haben.
Schenke er auch uns, dass von uns bedrängende Fragen und Lasten abfallen und in uns die Gewissheit einkehrt: Was immer auch kommt und ich und andere über mein Leben denken: Dein bin ich o Gott.
Gebe er uns die Kraft, unser Leben in den Dienst seiner Liebe zu stellen und gemeinsam mit anderen Leben zu erbauen.
 
Amen.