Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach zu Huldrych Zwingli

Gottesdienst zum Sonntag Remioniscere, 24.01.2015,

9.30 Uhr in der Evang. Stadtkirche Murrhardt

11 Uhr in der Evang.Auferstehungskirche Vorderwestermurr

 

Wochenspruch: Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.  Röm 5,8.

 

Psalm 34 (718), Lesung: Matthäus 25,14-30 (Zürcher Bibel)

 

Predigt: Zwingli und seine Freiheitsspuren / Zwingli and me

 

Es ist wie mit einem, der seine Knechte rief, bevor er außer Landes ging, und ihnen sein Vermögen anvertraute;  und dem einen gab er fünf Talent Silber, dem andern zwei, dem dritten eines, jedem nach seinen Fähigkeiten, und er ging außer Landes.  Sogleich machte sich der, der die fünf Talent erhalten hatte, auf, handelte damit und gewann fünf dazu.  Ebenso gewann der, der die zwei hatte, zwei dazu.  Der aber, der das eine erhalten hatte, ging hin, grub ein Loch und verbarg das Geld seines Herrn. Mt 25,14-18

 

Mache ich das Menschen Mögliche aus meinen mir von Gott anvertrauten Talenten?

 

Ulrich, genannt Huldrych Zwingli[1] wird am Neujahrstag 1484 in Wildhaus im schweizerischen Toggenburg geboren. Er ist sieben Wochen jünger als Martin Luther.

Der Vater, ebenso Ulrich Zwingli, ist Ammann, also einem gewählten, ehrenamtlichen Bürgermeister vergleichbar. Vater Zwingli kann sich dieses politische Ehrenamt leisten, seine Familie ist vermögend. Die Landwirtschaft auf hoch gelegenen  Alpen und der Verkehr auf dem Pass waren einträgliche Einnahmequellen. Die auf knapp 1100m Meereshöhe gelegene Straße zwischen Säntis und Churfirsten verbindet das Rheintal und das Toggenburg, eine Abkürzung zwischen Bodensee und Zürich, will man nicht die weitere Strecke über den Walensee wählen. Der heute bekannteste Einwohner der Doppelgemeinde Wildhaus-Alt-St. Johann ist der Skispringer Simon Amman.

Das noch stehende, heimelige Geburtshaus Zwinglis strahlt eine Wohlfühlatmosphäre aus, wie wir sie uns von einem Chalet  im Bergurlaub wünschen. Doch ob das Leben in der kleinen Hütte immer so gemütlich war, wird man angesichts knapp 20 Familienmitglieder und der daraus folgenden Enge bezweifeln dürfen. Immerhin: Der Zusammenhalt war stark, eine sittenstrenge Erziehung sorgte für großes Ansehen, aber auch für gehorsame Kinder. „Uoli“, wie ihn Mutter Margaretha nannte, sollte mit sechs Jahren zu seinem Onkel an den Walensee ziehen. Der war Priester, und so lernte Zwingli das spätmittelalterliche Pfarrhaus kennen. Im Alter von zehn Jahren schickte der Onkel den jungen Uli nach Basel zur weiteren Schulbildung. Mit dreizehn kam Zwingli nach Bern an die Lateinschule, wo man schon Klassiker las, und wo ihn Mönche seiner schönen Stimme wegen ins Kloster locken. Das war dann Vater und Onkel doch zu viel, so dass sie Ulrich mit vierzehn an die Universität nach Wien schicken. Mit 15 Jahren fliegt er von der Wiener Uni, wahrscheinlich wegen einer politisch motivierten Schlägerei zwischen Anhängern der im Krieg liegenden Habsburger und der Eidgenossen. Ein Jahr später ist Zwingli wieder in Wien eingeschrieben. Das Zwischenjahr studiert er mit höchster Wahrscheinlichkeit in Paris. Seiner Theologie zumindest ist das Studium an der Sorbonne abzuspüren.

Mit 18 sehen wir Zwingli in Basel studieren, parallel ist er Schulmeister. Hier lernt er später wichtige Reformatoren kennen. Hier macht er mit 22 seinen Magister der freien Künste, steigt dann ins Theologiestudium ein, das er aber ohne Abschluss nach sechs Monaten zugunsten des Priesteramts aufgegeben hat. Das Theologiestudium war damals keine Voraussetzung für den Priesterberuf.

In Glarus, in dessen Kantonsspital ich letztes Jahr meinen gebrochenen Arm versorgen ließ, war Zwingli bis 1516, also zehn Jahre lang, Priester. Volksnah, beliebt, hatte Zwingli neben der Arbeit als Priester auch für das Studium Zeit: Er lernt Griechisch, kann das Neue Testament in der Ursprache lesen. Er studiert regelrecht für sich und gelangt zu einer konkreten Bibelauslegung, durch die die Bibel deutlich klarer als bisher mit dem wirklichen Leben ins Gespräch kommt.

Um 1515 – Luther kommt in seiner Bibelauslegung zu einem ersten reformatorischen Durchbruch –ist bei Zwingli erkennbar, dass jetzt allein die Heilige Schrift selbst als Quelle der Offenbarung Gottes gelten darf.

Politisch war Zwingli in den Glarner Jahren mehrfach als Feldgeistlicher mit dem Heer der schweizerischen Söldner unterwegs, immer auf der Seite päpstlicher Truppen gegen Frankreich. Die Schweizergarde im Vatikan ist das Überbleibsel der damaligen Soldatenverkäufe. Eidgenössisches Großmachtstreben und kommerzielle Gewinnmaximierung trafen sich hier. Schweizer Politiker erhielten für die Unterstützung dieser Rekrutierungen eine schöne „Pension“ vom Papst in Rom.

Zwingli stand auf der Seite des Papstes, selbst als die Mehrheit der Glarner zur Fahne der Franzosen wechselten. Jetzt war er politisch nicht mehr haltbar, er wollte die Papsttreue nicht aufgeben. Man hätte ihm in Glarus ein schönes neues Pfarrhaus gebaut, wäre er unter Aufgabe seiner Papsttreue geblieben.

Zweieinhalb Jahre lebt Zwingli in Einsiedeln, hier wird sein reformatorischer Durchbruch erkennbar. Er verspottet den Ablassprediger Bernhardin Samson, wie Luther ein halbes Jahr zuvor den Johann Tetzel angreift. Beide Reformatoren also erkennen im Ablass einen zentralen Kritikpunkt gegen die römische Kirche. Kurz gesprochen: Gottes Gnade lässt sich nicht kaufen, Schuld kann man nicht finanziell tilgen.

In Einsiedeln hatte sich Zwingli neben einem vertieften Selbststudium auch zu einem moralisch anspruchsvollen Leben entschlossen. Aber er ist am Zölibat gescheitert, was ihm schwere Gewissensbisse eingebracht hat. Luthers Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – sie wurde für Zwingli zur Frage, ob er den ihm anvertrauten Talenten im Sinn Gottes zum Durchbruch verhelfen würde. Immerhin: Zwingli verschweigt sein Scheitern nicht. Später, 1524 wird er heiraten, kurz vor Martin Luther.

Dieselbe Frage nach der bestmöglichen Verwirklichung der von Gott verliehenen Talente leitete ihn in seiner bedeutendsten Zeit in Zürich. Als Priester für die Leute stellt er in der Antrittspredigt sein Programm vor: Nicht mehr an Sonntagsthemen will er die Predigt ausrichten, sondern an der fortlaufenden Lesung des Evangeliums, der „Geschichte von Christus, unserem Heiland“, und zwar nach dem Sinn des Heiligen Geistes, der sich unter Gebet durch fleißigen Vergleich mit anderen Schriften der Bibel selbst ergeben würde. Seine Zuhörer waren beunruhigt. Sie fühlten vielleicht deutlicher als der Prediger den Sprengstoff, den diese unverfälscht biblische Predigt mit sich bringen sollte.

Zwingli predigte fast täglich. Was gab es wertvolleres als den Christusglauben aus der Heiligen Schrift? Die Reformation in Zürich ist eine Frucht des fleißigen Bibellesens. Auch die Gründung der Bibelstudiumseinrichtung Prophezey gehört hierher: Hier entsteht die Zürcher Bibel, die es bis heute in immer neuen Übersetzungen gibt.

An Polemik lässt Zwingli nichts vermissen: Er beschimpft Rom als die große Hure, warnt vor Heiligenanrufung, Ablass und dem Beten vor Bildern. Zur letzten Ölung schreibt er, man solle das Öl statt zur Krankensalbung besser zum Kopfsalat verwenden.[2] Er lehnt das Fegefeuer ab und die Verdammnis ungetauft gestorbener Kinder. In einer meiner frühen Kirchengemeinden kam eine Mitarbeiterin zu mir mit der Frage, was denn mit ihrem kurz nach der Geburt gestorbenen Kind passiert sein wird. Ohne Taufe – keine Hoffnung?  Für die katholische Kirche hat erst am 20.4.2007 Papst Benedikt XVI. alias Josef Ratzinger kraft seines petrinischen „Schlüsselamts“ die Vörhölle für die Ungetauften Kinder zugeschlossen, also praktisch abgeschafft! Zurück zu Zwingli: Er kämpft gegen Söldnerdienste, Geldzahlungen für Söldner, Bündnisse mit Kriegsparteien. Zwingli predigt politisch, was die Politiker an ihre Zugehörigkeit zur  Christengemeinde  erinnert und sie regelrecht in die Kirche treibt. Ohne evangelische Predigt ist kein Regierungshandeln denkbar!

Dann tritt Luther  mittels seiner Schriften in Zwinglis Leben. Insgesamt entdecke ich zahlreiche Parallelen in der Theologie der Beiden. Zwingli schreibt: „Luther und ich habend  einen (=denselben) Glauben uff Christus Jesus und in ihn.“[3] Dass Zwingli sozusagen von Luther abgeschrieben hätte, kann man freilich nicht sagen. Ein Kernunterschied ist die Bedeutung von Gesetz und Evangelium. Martin Luther sieht in allem, was ihm aus der Bibel als Norm entgegentritt, einen Spiegel, um die eigene Schuld zu erkennen. Damit hat es sich dann aber auch. Der Schulderkenntnis folgt die Vergebung von Christus aus dem Evangelium. Die wird kraft eines christlichen Gewissens ein gottgefälliges Leben mit sich bringen. Und weil wir dabei immer schuldig bleiben, brauchen wir täglich Gottes Gnade. Für Zwingli ist auch das Gesetz Evangelium, weil es mir als Christ helfen soll, meine Lebensführung am Willen Gottes auszurichten. Der Heilige Geist wird mich bei meinem biblisch orientierten Leben unterstützen. Ganz vereinfacht gesprochen: Luther denkt oft schwarz/weiß, Gesetz und Evangelium als Gegensatz, Sünde und Gnade, Teufel oder Christus, Tod oder Leben. Zwingli denkt eher sowohl als auch: Gesetz ist Evangelium, auch Gottes Gebote führen zum Leben.

In Zürich, Zwingli ist auswärts bei einer Kur, ereilt die Bevölkerung die Pest. Zwingli kehrt zurück und steckt sich selber an, kann aber von der Seuche genesen.

1522, ein Jahr nach dem Wormser Reichstag, auf dem Luther verurteilt wurde, aber standhaft beim neuen Glauben blieb, zeigt sich in Zürich der Durchbruch der Reformation. Maßgeblich sind hier nicht die Kirchenleute, sondern der Rat der Stadt und die Predigthörer Zwinglis. Feindbild aller sind der Papst und sein Generalvikar in Konstanz.

Spektakulär, und darauf will ich den Blick auf Zwinglis Leben begrenzen, war der 9. März 1522. Mitten in der Fastenzeit lud Zwinglis Buchdrucker Christoph Froschauer zum abendlichen Wurstessen in seine Werkstatt ein. Er war, wie andere Anhänger Zwinglis, davon überzeugt, dass die biblisch bezeugte, von Christus geschenkte, Freiheit nicht mit den unbiblischen Fastengeboten zusammengeht. Zwingli war zufällig dazugekommen, hat sich aber am Wurstgenuss nicht beteiligt. Der Rat der Stadt verhängte an die Fastenbrecher Strafen, was Zwingli zu diplomatischer Vermittlungsarbeit und zu einer programmatischen Predigt nötigt. „Von Erkysen[4] und Fryheit der Spysen“[5].

Wie Luther redet Zwingli von der Freiheit der Christen. Luther bezieht sich auf die innere Freiheit des Gewissens des Einzelnen (Christus befreit von Schuld) und spricht vom Gehorsam im politischen Raum. Zwingli hingegen meint zuerst die Freiheit eines öffentlichen,  gesamtgesellschaftlichen Lebens. Die Befreiung von äußeren Zwängen wird schon innere Freiheit mit sich bringen. Wenn Luther Seelsorger und Berater war, dann war Zwingli Berater und Politiker. Nach vielen innenpolitischen und kirchenpolitischen Machtkämpfen, in denen Zwingli immer auch Einfluss auf die Politik selbst nahm, sehen wir ihn am Ende seines Lebens wieder als Feldprediger in der Schlacht zu Kappel. Zwischen Zürichsee und Zugersee trafen die unvorbereiteten evangelischen Züricher auf die angreifenden katholischen innerschweizer Truppen, die den Evangelischen eine vernichtende Niederlage beibrachten. Zwingli wurde verwundet und am Abend noch auf dem Schlachtfeld verspottet und umgebracht. Man hatte ihm die ihm verhasste Beichte angeboten, ihn getötet, sein Körper gevierteilt und verbrannt. Die Altgläubigen hatten ihren Ketzer bestraft.

 

Was bleibt von Zwingli und seiner Reformation in Zürich und Bern?

Kirchen- und staatspolitisch bleiben drei große Niederlagen und eine kleine:

1.       Die Niederlage in der Schlacht zu Kappel, die die Ausbreitung des evangelischen Glaubens in der Schweiz auf die Großstädte Zürich und Bern und Basel begrenzte.

2.       Der bleibende Streit mit den Lutheranern um das Verständnis des Abendmahls. Philipp von Hessen lud 1529 alle bedeutenden Theologen an einen Tisch. Wird die Abendmahlsfrage gelöst, wäre eine politische Koalition aller Evangelischen möglich. Luther und Zwingli treffen hier aufeinander. Zwingli legte die Einsetzungsworte deutlich moderner, nämlich als symbolisch gemeint, aus. Wenn Christus sagt: Das ist mein Leib, dann meint Christus: Dieses Stück Brot bedeutet, dass ich mich wie dieses Brot euch gebe. Für Luther war wichtig: Wenn Christus sagt: „Das ist mein Leib“, dann meint Christus: In dieses Stück Brot gebe ich mich tatsächlich. Oder mit anderen Worten: Für Zwingli war das Abendmahl reine symbolische Erinnerung an Jesu Hingabe. Für Luther geschieht diese Hingabe im Essen des Brotes. Im Abendmahl geschieht Versöhnung.
Der Streit blieb bestehen. Zwingli schimpfte Luther einen „Christoborus“ (=Christusfresser). Die Folge der Uneinigkeit in der Abendmahlsfrage war die politische Kleinstaaterei und damit die Schwächung der Evangelischen in Mitteleuropa. Wir in Württemberg haben aufgrund von Zwinglis abschwächender Deutung das Abendmahl noch in meiner Jugend höchstens viermal im Jahr gefeiert. In der Schweiz trägt man zu diesen seltenen Abendmahlfeiern den Tisch in die Kirche, der sonst oft fehlt. Im Mittelpunkt des Gottesdienstraums steht die Kanzel. Gottes Wort allein zählt.

3.       Die Schwäche, den theologischen Gegner mit Mitteln der Macht bezwingen zu wollen, sie äußert sich in der Hinrichtung der Täufer. Als Felix Manz in Zürich die Kindertaufe ablehnte, wurde er mit Zustimmung Zwinglis in der Limmat in einem Eisenkäfig ertränkt.

4.       Die kleinere kirchenpolitische Niederlage: Zwinglis Theologie wurde weitgehend von der eines späteren Johannes Calvin überlagert. Calvin mit seiner starken Erwählungslehre hat dem Luther näher stehenden Zwingli eine Art Decke übergezogen. Calvinismus und Luthertum tun sich sicher schwerer mit einander als ein modernes Luthertum und ein moderner Zwinglianismus es täten.

Was bleibt Positives von Zwingli?

1.       Die Gottesdienstform, in der wir Württemberg feiern, ist wenig lutherisch, viel mehr von Zwingli geprägt. Wer lutherische Gottesdienste erleben will, muss in evangelische Gemeinden in Bayern oder nach Nord- oder Ostdeutschland oder in die Selbständige lutherische Gemeinde nach Stuttgart fahren.

2.       Von Zwingli nehme ich mit die Liebe zur unverfärbten Heiligen Schrift, zum Bibelstudium, zum gemeinsamen Bibellesen. In der Bibel erschließt sich Gott in seinem Sohn Jesus Christus wie von selbst. Und je mehr ich von ihm lese, je mehr ich verschiedene Seiten derselben Bibel wahrnehme, desto klarer zeichnet sich mir das wirkliche Bild ab von Jesus Christus, der mir Gott zeigt, wie er für uns ist. Einen andern Gott zu denken, als den, der sich in Christus zeigt, macht keinen Sinn.

3.       Was bleibt, ist Zwinglis Blick aufs Gemeindeleben und auf die Gesellschaft als Ganze. Eine politische Theologie können wir von Zwingli lernen. Gottes Geist weht nicht im stillen Kämmerlein allein. Er pfeift durch die Gassen und auf die Plätze und Straßen. Gottes Geist, Jesu Geist, will die Welt verändern. Auch was den Glauben angeht, ist das Private politisch. Freiheit, sie gilt nicht allein dem Gewissen vor Gott, sie gilt dem Menschen als Ganzem und einer Gesellschaft als Ganzer.

4.       Was auch bleibt, ist Zwinglis Ehrlichkeit: Das Eingeständnis des nicht perfekten Lebens, das Eingeständnis des auch persönlichen Scheiterns. Und mit ihm verbunden die Gewissheit, dass Gott es mit uns Sündern recht macht. Deshalb ist die Frage, die mit Zwingli mitgeht, eine in der Gnade Gottes aufgehobene Frage: Mache ich das Menschen-Mögliche aus Gottes gut gemeinten, in mir angelegten  Talenten?

Zwingli zum Schluss: Wer dem gepredigten Evangelium geglaubt hat, hat Befreiung des Gewissens und Trost empfunden. Das Evangelium lehrt ja nicht nur die Gnade, sondern auch das neue Leben ergreifen. Amen.

 

 

 

Lied: Herr, nun selbst den Wagen halt, EG 242,1-3

(Zwinglis einziges Lied im EG)

 

 



[1] Grundlegend: Gottfried W. Locher: Zwingli und die schweizerische Reformation, Die Kirche in ihrer Geschichte Bd. 3, J 1, Göttingen 1982.

[2] Fritz Schmidt-Clausing: Zwinglis Humor. Frankfurt 1968.

[3] E. Egli (Hg.): Huldreich Zwinglis sämtliche Werke (1905ff.), Bd. V, S. 70.

[4] (= Auswählen)

[5] 23.3.1522, gedruckt als programmatische Schrift am 6.4.1522.

Predigt von Pfarrer i.R. Manfred Bittighofer zu Johannes Brenz

Predigt zu Johannes Brenz von Manfred Bittighofer

Gehalten im Rahmen der Predigtreihe

„Die Entdeckung der Freiheit und ihre Spuren“

14.02.2016  in Kirchenkirnberg und Fornsbach

28.02.2016 in Murrhardt und Vorderwestermurr

 

Liebe Gemeinde,

 

in dieser Predigtreihe erinnern wir uns an Persönlichkeiten, die wesentlich zum reformatorischen Geschehen gehören, aus der unsere evangelische Kirche hervorgeht. Es ist gut, sich an Geschichte zu erinnern, denn daraus kann man für die Gegenwart lernen wie auch für die Herausforderungen unserer Zeit.

Heute geht es um Johannes Brenz, den Reformator unserer württembergischen Kirche. Ich halte ihn neben Martin Luther für einen der großen Reformatoren.

 

(Hinweis: Katechismus - „Die Taufe ist ein Sakrament und

göttlich Wortzeichen“ - ebenso beim Hl. Abendmahl sind seine Formulierungen die in genialer Weise Glauben und Wort mit dem Zeichen des Sakramentes zusammen bringen.)

 

Über sein Leben, sein Wirken und seine bleibende Bedeutung für unsere Kirche wollen wir jetzt nachdenken - freilich, das kann in einer Predigt nur sehr begrenzt geschehen.

 

Johannes Brenz wurde am 24. Juni 1499 in Weil der Stadt geboren. Sein Vater Martin Hess war ein angesehener Bürger, Schultheiß und Richter in der damals wohlhabenden freien Reichsstadt. Er führte neben seinem Namen auch den Namen seiner Frau, einer geborenen Brenz. Johannes hat den Namen seiner Mutter angenommen. (Dass die Familie Hess-Brenz vornehm und wohlhabend war, zeigt sich auch darin, dass sie ein Familienwappen führte und dass sie ihren drei Söhnen ein Studium ermöglichen konnte).

Mit 11 Jahren ging Johannes auf den Lateinschule nach Heidelberg. Im Jahre 1514, im Alter von 15 Jahren, immatrikulierte sich Brenz an der Universität Heidelberg. 1518 hat er das Studium der Theologie mit der Magisterprüfung abgeschlossen. In Heidelberg lernte er Philipp Melanchthon kennen. Seine wohl wichtigste Begegnung war die mit Martin Luther, die ihm auch die Teilnahme an der Heidelberger Disputation ermöglichte, bei der Luther seine 95. Thesen verteidigte. Für Brenz entstand eine lebenslange Verbundenheit mit Martin Luther. Auch beim Marburger Religionsgespräch 1529 war Johannes Brenz dabei.  Von Luther ist bekannt, dass er unter seinen zahlreichen Mitstreitern Johannes Brenz besonders hoch schätzte: Während Luther seinem Temperament entsprechend poltern konnte bezeichnete er ihn einmal als „Meinen Mann für das Feine“. Von der Heidelberger Disputation an lag Brenz daran, den Einfluß Luthers in Süddeutschland zu sichern.

 

Ein neuer Abschnitt begann für Johannes Brenz, als er 1522 vom Rat der Stadt Schwäbisch Hall als Prädikant (Prediger) an die Kirche St. Michael berufen wurde. Die Mönche, die das Priesteramt an den Kirchen wahrgenommen haben, hatten nur eine geringe theologische Bildung. Sie feierten in der Regel die Messe und lasen legenden von Heiligen vor. Und so kam es dazu, dass vor allem in freien Reichsstädten der Rat der Stadt für Prediger sorgte, um das gottesdienstliche Leben zu fördern. Es war also nicht die Kirche, sondern kommunale Gremien, die hier Position bezogen. Diese Prädikanten waren die Initiatoren und Träger der reformatorischen Bewegung. Als solcher wirkte Johannes Brenz 26 Jahre in Schwäbisch Hall, wo er „vorsichtig und allmählich“ die Reformation durchführte. Der katholische Pfarrer an der Katharinenkirche Michael Gräter sagte nach einer Predigt von Brenz: „Er hat mich gleich vom Papsttum weg zum gnadenreichen Evangelium gebracht und mit Unterweisung väterlich getan und mir die höchsten Guttaten erzeigt.“ Dabei muss ausdrücklich betont werden, dass Brenz nicht an eine

Trennung von der Kirche dachte, wohl aber an ihre notwendige Erneuerung. Doch genau das verweigerte die damals herrschende Kurie mit dem Papst.

Brenz war ein Mann des bedachten, behutsamen Vorgehens wie auch der Rücksichtnahme auf hergebrachte, im Volk verwurzelte Traditionen. Theologisch konsequent folgte er der Richtung die Luther, gestützt auf den Apostel Paulus, vorgegeben hat: nicht durch fromme Werke, sondern allein aus dem Glauben an die Rechtfertigung des Sünders durch Kreuz und Auferstehung Christi kann, ein Mensch vor Gott gerecht werden. „Glauben“ war für ihn das

Vertrauen in die Liebe Gottes, die in Jesus Christus offenbar geworden ist.

 

Eines der frommen Werke, die nach katholischer Lehre zur Gerechtigkeit vor Gott führen, ist die Verehrung der Heiligen. Damit sollen die Heiligen bewogen werden, für den armen, reumütigen Sünder Fürbitte zu tun, indem sie aus dem unerschöpflichen Schatz ihrer guten Werke etwas für den armen Sünder abgeben. Durch dieses Abgeben – so war damals die Vorstellung – reichte es auch den „normalen“ Frommen in den Himmel.

Und jetzt sehen wir, wie Brenz damit umgegangen ist. Am 25. Juli 1523, dem Tag des Hl. Jakobus, strömte das Volk zum Jakobimarkt, den es übrigens heute noch gibt. (Allerdings findet heute kein Gottesdienst mehr statt.) Brenz nutzte diesen Anlass zu einer Predigt über die Verehrung der Heiligen. Dabei sagte er, an sich ist die Heiligenverehrung nicht verwerflich, aber es sei unnötig, die Heiligen um Fürbitte anzurufen, denn allein der Glaube an Jesus Christus macht einen Menschen vor Gott gerecht - nicht die Fürbitte der Heiligen. Und dann führte er der Gemeinde eine Art Heiligenverehrung vor Augen, die an Aktualität bis heute nicht überboten ist - Zitat: „Mit Geld, Hilfe oder anderem musst du die jetzt lebenden Heiligen verehren, welches arme, bedürftige, unterdrückte Leute sind. Vollbring' den Willen Gottes, so hast du das ganze himmliche Heer der Heiligen verehrt!“ Die aus dem Glauben erwachsende Liebe zum Mitmenschen, zum notleidenden, kranken, hungrigen Nächsten, die in der helfenden Tat sichtbar wird, das war für Brenz das Vollbringen des göttlichen Willens.

 

Glauben und lieben, das sind für ihn die zentralen Merkmale eines Christenlebens. Seine erste Kirchenordnung von 1527 für Schwäbisch Hall beginnt mit den Worten: „Es sind allein zwei Ding und wesentliche Stück des Gottesdienstes einem jeglichen Christen nötig. Nämlich glauben und lieben. Glauben gegen Gott, lieben gegen den Nächsten, die zwei Ding sind also notwendig zur Seligkeit, das ein Christ schuldig ist sie zu halten, wann er mitten in der Türkei wohnte ...“. Also für heute übersetzt – egal wo ein Christ sich auf der Welt befindet, Er soll Christus bekennen vor den Menschen und den Menschen lieben in dem er ihm beisteht wie es seinen Kräften möglich ist.

Über die wichtigsten Aufgaben der Kirche schreibt er: „Nun hat Christus vornehmlich drei Stück befohlen, die in seiner Kirche auszurichten sind: nämlich das Evangelium predigen, Taufen und das Nachtmahl (Das Abendmahl, die Eucharistie) nach seinem Aufsatz zu halten.“

 

Diese Konzentration des Auftrags der Kirche auf die wesentlichen Inhalte des Glaubens zeigt die theologische Grundausrichtung von Johannes Brenz.

Und wir sehen bei ihm auch: Brenz wollte nicht einfach Altes abschaffen, ohne Neues einzubringen. Das Neue hat er den Menschen nicht aufgezwungen, sondern angeboten. So hat er in seiner ersten Haller Kirchenordnung die (katholische) Messe nicht einfach abgeschafft, sogar die lateinische Sprache hat er beibehalten, nur die Einsetzungsworte „Nehmet hin ... das ist mein Leib, ... das ist mein Blut ...“ mussten deutsch gesprochen werden, damit alle sie verstehen konnten. Vermutlich an Weihnachten 1526 feierte er mit seiner Gemeinde das erste evangelische Abendmahl in St. Michael. „Vorsichtig und allmählich“, mit großer Behutsamkeit führte er die neue Lehre und die neue Gottesdienstform ein. So blieben auch die Altäre und Bilder in den Kirchen unangetastet. Er respektiere es, dass die Altäre und Heiligenbilder bisher den Menschen viel bedeutet hatten. Übrigens: 1537 nahm Johannes Brenz am sogenannten „Götzentag“ in Urach teil. Herzog Ulrich wollte ein Bilderverbot durchsetzen, was ihm auch gelang, aber glücklicherweise wurde es nicht konsequent durchgeführt. Brenz meinte dazu: „Es sei besser, wenn die jungen Burschen während der Predigt die Bilder ansehen und nicht 'die Jungfrauen als lebendige Götzen' angucken.“ Seine Haller Kirchenordnung war nicht nur von seiner theologischen Überzeugung geprägt, sondern Brenz sah auch die Notwendigkeit der Bildung des Volkes. Reformation und Bildung gehören zusammen. So forderte er u.a. Schulpflicht für Buben und Mädchen (Einrichtung von Mädchenschulen). Jeder Christ soll die Bibel selbst lesen können und unabhängig sein von der Vermittlung durch die Kirche. Zitat: „Die Heilige Schrift gehört nicht allein den Männern.“ Und noch eines: „Wer lesen, rechnen und schreiben kann, ist frei!“ Weiter gehörte dazu die Ordnung der Armenpflege. Wer in Not geraten ist, braucht Hilfe für einen neuen Anfang. In den Jahren der Bauernaufstände nahm er vermittelnd Einfluss. In einer grundsätzlichen Untersuchung erörterte er sogar das Widerstandsrecht der Untertanen gegen die Obrigkeit und kam zu dem Ergebnis: Widerstand ist geboten, wenn die Obrigkeit die Gebote Gottes missachtet. Dazu gehörte viel Mut in der damaligen Zeit.

 

Ein harter Einschnitt in das Leben von Johannes Brenz war die vernichtende Niederlage der Evangelischen in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe am 24.04.1547. Kaiser Karl V. nützte diesen Sieg und verfügte ein „Interim“, also eine Zeit, in der die katholische Kirchenordnung wieder hergestellt werden soll. An seinem Geburtstag am 24. Juni 1548 wurde ihm ein Zettel zugesteckt, auf dem stand: „Domine Brenz, cito fuge, fuge!“ (Herr Brenz, fliehe schnell, fliehe!“) Ohne sich von seiner Frau, die schwer krank war und während seiner Flucht starb, und von seinen Kindern verabschieden zu können, floh Brenz. Seine Flucht und sein Erleben dabei zu schildern, wäre ein besonderes Thema, das müssen wir aus Zeitgründen jetzt aus der Predigt weglassen. Die Flucht endete mit einem neuen Auftrag. Nach Beendigung des „Interims“ wurde Johannes Brenz im August 1552 von Herzog Christoph als „Rat für der kürchen geschefte“ (Berater in kirchlichen Angelegenheiten) in die Regierung berufen und gleichzeitig wurde er Stiftspropst an der Stuttgarter Stiftskirche. Jetzt stand Johannes Brenz nochmals - wie schon in Schwäbisch Hall - vor der Aufgabe, eine noch in den Anfängen stehende Kirche innerlich und äußerlich zu gestalten und aufzubauen, ihr Richtung und Weg zu weisen. Er war als geistliche und politische Autorität so anerkannt, dass sein Wort und sein Argument genügten, die Dinge auf den richtigen Weg zu bringen.

Dazu gehörte vor allem die „Große Württembergische Kirchenordnung“, die Herzog Christoph 1559 erlassen hat. Sie war die eine Ordnung des bürgerlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens.

 

(Beispiele: „Armenkasten“ in jeder Gemeinde; Schulpflicht für Buben und Mädchen im Herzogtum; keine Gewalt in Glaubensfragen, die „Täufer“ wurden nicht mit dem Tode bedroht; Brenz: bei Anklage wegen „Hexerei“ braucht man

einen Pfarrer und einen Arzt, aber keinen Henker. Hier

wird der Einfluß des Humanismus deutlich. Ein Pfarrer konnte „renitente Eheleute bis zu drei Tagen einsperren, damit sie wieder zur „Vernunft“ kommen).

 

Zuvor schon verfaßte Brenz die „Confessio virtembergica“ (das Württ. Glaubensbekenntnis), für das Konzil in Trient; als Johannes Brenz mit weiteren Theologen 1552 dort eintraf, kamen sie nicht zu Wort. Die Kirche wollte sich nicht erneuern und reformieren lassen. Die „Confessio Württembergica“ ist eine bis heute in unserer Kirche geltende Bekenntnisschrift. Sie ist das einzige lutherische Bekenntnis der Reformation, das ein eigenes Kapitel über die Heilige Schrift enthält. Und es verzichtet auf jedes „Verdammungsurteil“, weil Johannes Brenz der Auffassung war, dass man in strittigen Glaubensfragen einander nur auf die Art und Weise näherkommen kann, wenn man nicht das Trennende in den Vordergrund stellt, sondern das Gemeinsame. Das ist also nicht nur eine Erkenntnis in unserer Zeit, wie gerne behauptet wird; für Brenz war das bereits eine Selbstverständlichkeit.

 

Wenn wir das Reformationsjubiläum 2017 feiern, dann gehört es wohl bei uns in Württemberg dazu, Johannes Brenz nicht zu vergessen, von dessen theologischem Denken und praktischen Wirken wir wohl lernen können. (Die Bedeutung von Johannes Benz ging weit über Württembeg hinaus. Die Württ. Kirchenordnung bekam die Rolle eines Vorbildes, eines Musters, und wurde in zahlreichen Ländern und freien Reichsstädten übernommen.

Gefragt waren Gutachten von Brenz zur Reform der Schulen und Universitäten ebenso für die Durchführung von Visitationen.)

 

Johannes Brenz starb am 10. September 1570 in Stuttgart. Sein Wunsch war, unter der Stiftskirchenkanzel bestattet zu werden, hatte er doch hier die ihm wichtigste Aufgabe der Kirche wahrgenommen: das Predigtamt. Jakob Andreä gegenüber, dem Kanzler der Tübinger Universität, bemerkte Brenz: hier wolle er darüber wachen, dass von dieser Kanzel für immer die wahre biblische Lehre verkündigt werde. (Dazu gibt es jene Anekdote: Brenz habe weiter gesagt: Sollte das nicht geschehen, dann käme er heraus und würde dem Prediger zurufen: „Du lügst!“). VERBUM DOMINI MANET IN AETERNUM. „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“ - so steht es im Gedenken an den Beginn der Reformation in Württemberg an der Außenwand der Stiftkirche in Stuttgart. Das ist die Einladung, an jedem Tag, der für uns anbricht, neu mit Gottes Wort zu leben. Und damit einher geht die Eindeutigkeit, allein Jesus Christus zu vertrauen - so wie es in Fortsetzung der Bekenntnisse der Reformation die Theologische Erklärung von Barmen 1934 zum Ausdruck bringt:

Jesus Christus spricht: Ich in der Weg, die Wahrheit und das Leben: niemand kommt zum Vater denn durch mich. „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“           Amen

 

Es gilt das gesprochene Wort

Predigt von Pfarrerin Annkatrin Jetter zu Argula von Grumbach

Predigt in der Predigtreihe „Die Entdeckung der Freiheit und ihre Spuren. Männer und Frauen der Reformation“ und zu Röm 1,15f.  von Pfarrerin Annkatrin Jetter

(14.02.16 Stadtkirche Murrhardt und Auferstehungskirche Vorderwestermurr,

21.02.16 Evang. Kirche in Kirchenkirnberg und Fornsbach)

 

Liebe Gemeinde,

versuchen wir einmal, in der Zeit zurückzureisen, knapp 500 Jahre zurück. Hinein nach Bayern, genauer gesagt in die fränkische Provinz, in eine Zeit von Herzögen, Hoffräuleins und Reichsrittern, eine Zeit, die von vielen Ängsten geprägt war. In einer Zeit, in der die Aufgaben von Frauen und Männern sehr klar festgelegt waren. In der nur wenige lesen und schreiben konnten. In eine Zeit, in der es aber auch rumorte: in der Gesellschaft, in der Kirche, an den Universitäten. Neue Ideen und Entdeckungen machten die Runde, der Buchdruck erlaubte die Vervielfältigung der Schriften des Mönches Martin Luthers aus Wittenberg, manche hatten sich dem sog. Neuen Glauben angeschlossen, es gab Auseinandersetzungen und Streit mit dem Kaiser, dem Papst und den sog. Altgläubigen.  

In dieser Zeit begegnet uns heute eine Frau, Argula von Grumbach, geb. von Stauff. 1492 geboren als Tochter eines Reichsfreiherren auf der Burg Ehrenfels im heutigen Beratzhausen kam sie als Hoffräulein an den Münchener Hof zur Herzogin Kunigunde. Dort lernte sie lesen und schreiben und erfuhr dort überhaupt eine außergewöhnliche Bildung. Ihr Bruder studierte zu dieser Zeit in Ingolstadt an der Universität – wissbegierig wollte Argula immer wieder von ihm hören, was es dort neues gab. Zu gern hätte auch sie studiert – doch Frauen gehörten damals nicht an die Uni.

Mit etwa 24 Jahren heiratete sie den fränkischen Reichsritter Friedrich von Grumbach, der Stadtverwalter in Dietfurt war. Vier Kinder bekam sie von ihm.

 

Doch neben ihren Aufgaben als Mutter und Ehefrau reiste, beobachtete und  las Argula viel: Sie beschäftigte sich intensiv mit der Bibel, hatte sie doch von ihrem Vater bereits eine deutsche Ausgabe geschenkt bekommen. Und sie las die Schriften von Martin Luther. Von sich selbst sagte sie, dass sie „von Dr. Martinus alles gelesen habe, was in deutscher Zunge ausgegangen sei“. Sie schrieb sogar Martin Luther direkt, dem großen Reformator, und hatte einen regen Briefwechsel mit anderen reformatorischen Theologen, wie  Andreas Osiander, Georg Spalatin und Paul Speratus.

 

Argula ist fasziniert von den Gedanken der Reformatoren: Die Rechtfertigungslehre, dass allein das Vertrauen auf Gottes Gnade, auf seine Zuwendung zu uns Menschen in Jesus Christus die Grundlage unseres Lebens ist, dass allein Gottes Kriterien gelten, im Leben wie im Tod – diese Einsicht hat nicht nur Luther eine große innere und äußere Freiheit geschenkt, sondern auch Argula von Grumbach. Dass vor Gott alle ebenbürtig sind – egal ob Mann oder Frau, dass wir Menschen unmittelbar mit Gott in Kontakt treten können und keinerlei Zwischeninstanz dazu nötig ist, hat dazu beigetragen, dass sich der Gleichheitsgedanke ausbreitete. In der Bibel, im Evangelium konnte Argula immer wieder davon lesen: von der Kraft Gottes, so nennt sie Paulus, die selig macht, die Leben schenkt, die uns Menschen verwandelt. So schreibt Paulus im Röm 1,15ff:

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Die Bibel, das Evangelium, erzählt uns von dieser Gotteskraft . Eine Kraft, der wir anmerken, dass wir sie nicht mit eigenen Anstrengungen machen können. Das Evangelium erzählt uns davon, dass Gott sich uns bedingungslos zugewandt hat – uns seine Liebe in Jesus Christus gezeigt hat. Und dieser  Güte Gottes dürfen wir trauen. Ihr können wir uns anvertrauen – glauben.

 

Diese Kraft Gottes bewirkt eine ungeahnte Freiheit: Denn wenn ich daran glaube, darauf vertraue, dass allein Gottes  Gnade, seine bedingungslose Liebe, für mein Leben von Bedeutung ist, dann weiß ich mich frei. Frei vom Urteil anderer, frei von den eigenen Erwartungen, frei von Rollenzuschreibungen und den Festlegungen aufs GEschlecht und frei sogar von der Angst vor dem Tod.

Liebe Gemeinde – diese Kraft Gottes zu erfahren, diese Freiheit, das macht mutig. Und stark. Das lässt uns neu denken, Schritte wagen, die wir zuvor nicht gewagt hätten. Althergebrachtes über den Haufen werfen.

 

Das erfuhr Martin Luther, als er es wagte, seine Schriften zu verfassen, als er es wagte, vor dem Reichstag in Worms zu seinen Gedanken und zu dem, was er aus der Bibel erkannt hatte, zu stehen.

 

Das erfuhren auch manche Frauen damals zur Zeit der Reformation: Sie wagten es, ihre Ansichten über  Gott, die Welt und den Glauben öffentlich zu äußern. Machten sich frei von den geltenden Meinungen und Rollenzuschreibungen. Bedienten sich des eigenen Verstandes. Und suchten das alleinige Kriterium für ihr Denken und Handeln in den Worten der Bibel, der Schrift.

Auch Argula von Grumbach erfuhr diese Gotteskraft und die Freiheit, die ihr dadurch entstand – und sie lebte sie:

 

Im September 1523 wurde ein junger Theologiestudent, Arsacius Seehofer, weil er den reformatorischen Glauben anhing und Luther Schriften besaß, in den Kerker geworfen und sollte seine Aussagen widerrufen, sonst wäre er verbrannt worden. Anschließend wurde er ins Kloster Ettal verbannt.

Als Argula von diesem Vorgang hörte, empörte sie sich. Zwar rang sie mit sich, ob sie sich überhaupt zu Wort melden dürfe, weil doch Paulus geschrieben habe, dass „das Weib in der Gemeinde schweige“ – doch siegte ihr Mut aus der neu gewonnenen Freiheit, ihre Überzeugung, dass es nicht falsch ist, was Arsacius und auch Luther schreiben und denken. Zudem hat sie in der Bibel selbst von vielen Frauen des Alten und Neuen Testaments gelesen, die sehr wohl Stellung bezogen und sich eingemischt haben. Also setzt sie  sich hin und schrieb unter ihrem Mädchennamen von Stauff einen Sendbrief direkt an die Universität, mischt sich ein in die Politik und bietet den Gelehrten die Stirn. Sie war empört darüber, dass Arsacius widerrufen soll - obwohl an den Schriften Luthers nichts ist, was dem Wort Gottes widerspricht. So schreibt sie: Wenn ich das betrachte, erzittern mein Herz und alle meine Glieder. Was lehren Luther und Melanchthon anderes als das Wort Gottes? Ihr aber verdammt sie unüberwunden. (…) Über das Wort Gottes haben weder der Papst, Kaiser noch Fürsten zu gebieten. Ich bekenne aber bei Gott und meiner Seele Seligkeit: Würde ich Luthers und Melanchthons Schriften verleugnen, würde ich Gott und sein Wort verleugnen.“ (Sendbrief)

Argula stellte sich den Universitätsgelehrten sogar für ein Gespräch zu Verfügung: Ich scheue mich nicht, vor euch zu treten, euch zu hören, auch mit euch zu reden, denn ich kann auch mit Deutsch frage, Antworten hören und lesen, und zwar aus der Gnade Gottes. (…)Ich habe euch nicht weibische Dinge geschrieben, sondern das Wort Gottes als  Glied der christlichen Kirche.“ Was für ein ungewöhnliches Selbstbewusstsein, liebe Gemeinde! Eine gelebte Auslegung des paulinischen „ich schäme mich des Evangeliums nicht“.

 

Zeitgleich schrieb Argula auch noch an den Herzog Wilhelm IV. von Bayern, den sie noch aus Kindertagen kennt. Auch ihm schilderte sie die Vorgänge in Ingoldstadt, argumentiert, versucht ihn zu überzeugen, hier einzugreifen. Ein Brief an den Rat der Stadt Ingolstadt folget, sowie an den Kurfürsten Friedrich den Weisen.

 

Ihre Schreiben werden schnell vervielfältigt und veröffentlicht, geschätzte 30.000 Exemplare gibt es bald in Deutschland, viele Leute lesen diese Schriften und stimmen Argula zu. Doch Argula bekommt keine Antwort, weder von der Universität noch vom Herzog. Stattdessen wird sie mit Spottgedichten bedacht. Immerhin wird sie zum Nürnberger Reichstag eingeladen – doch auch hier nur zu einem Festmahl – ein Disput, ein Austausch von theologischen Argumenten darf sie nicht führen. Das wäre vermutlich unter der Würde der Kirchenmänner und Gelehrten gewesen.

 

Den weltlichen und kirchlichen Oberen allerdings wurde ihr wachsende Bekanntheit immer unangenehmer. Es lag ihnen viel daran, Argula zum Schweigen zu bringen. Und so wurde Druck ausgeübt: Ihr Mann verlor sein Amt als Stadtverwalter in Dietfurt – was dieser Schritt wohl für die Beziehung zwischen Argula und ihrem Mann bedeutete? Es wird berichtet, dass er selbst weiterhin dem katholischen Glauben anhing, und dass er sie seinen Zorn spüren ließ darüber, dass er Arbeitsplatz, sein finanzielles Auskommen und seinen guten Ruf verloren hatte. Argulas Verwandten wurde nahegelegt, Argula von Grumbach einzusperren. Sie zu ächten.

 

Anerkennung bekam Argula immerhin von Martin Luther, über die er schrieb: Die edle Frau Argula von Stauff kämpft in ihrem Land schon einen großen Kampf mit hohem Geist und erfüllt von dem Wort und der Erkenntnis Christi. Sie ist es wert, dass wir alle für sie bitten, dass Christus in ihr triumphiere. Sie ist ein besonderes Werkzeug Christi. Selbst von einem Besuch Argulas in späteren Jahren, 1530, bei Martin Luther auf der Veste Coburg wird berichtet.

 

Leicht hatte Argula es seitdem jedoch sicherlich nicht mehr in ihrem Leben. Nach 1524 verfasste sie keine Briefe oder Schriften mehr, nach dem Tod ihres Mannes heiratete sie zwei Jahre später einen Grafen von Schlick, der immerhin dem lutherischen Glauben anhing. Doch er starb nach 1 ½ Jahren.

Ihr selbst lag viel daran, ihre Kinder im evangelischen Glauben zu erziehen, und vermutlich baute sie auch evangelische Netzwerke auf, in denen Gruppen sich unterstützen und sich reformatorische Schriften weitergeben konnten.

Vermutlich 1554 starb sie im bayrischen Zeilitzheim.

(Der Student Arsacius, für den sie sich eingesetzt hatte, konnte später aus dem Kloster fliehen und arbeitete als protestantischer Lehrer und Pfarrer in Württemberg. Tod in Winnenden!)

 

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ – Ohne Rücksicht auf ihre Person, auf ihr Ansehen und mögliche Konsequenzen, überzeugt von der Wahrheit des Wortes Gottes – und ermutigt durch die Kraft Gottes, von allen Wenn und Abers befreit – so hat Argula von Grumbach  Partei ergriffen, und ist dafür eingetreten, dass Frauen und Männer in gleicher Weise von Gott sprechen können und auch sollen. Das hat ihr Anfeindungen von allen Seiten verschafft. Trotzdem blieb sie stark und hat an dem Wort Gottes festgehalten. Weil sie auch anderen vermitteln wollte: Wir alle leben aus der Gnade Gottes. Sie hat es ertragen müssen, verspottet zu werden, für unbequem oder dumm gehalten zu werden. – heute aber gilt sie als eine der „Auflagenstärksten Flugblattschreiberin im 16. Jahrhundert“, als eine Verfechterin der lutherischen Lehre in Bayern.

 

Die reformatorische Entdeckung der Freiheit aus dem Glauben und durch die Gnade Gottes hat Argula von Grumbach bewegt. Sie ist ihrem Glauben und ihren Überzeugungen gefolgt.

500 Jahre später staune ich, wie sehr diese Frau motiviert wurde durch ihr Bibelstudium, durch ihre Einsichten und die Kraft, die sie in ihrem Glauben fand. Welch eine Freiheit in ihren Schriften zu spüren ist, im Denken und Handeln.

Eine Freiheit, die Spuren hinterlassen hat in Argulas Leben, in ihrem Umfeld und der Kirchengeschichte Bayerns.

Eine Freiheit, die aus dem Glauben an das Evangelium von Jesus Christus entstanden ist.

Eine Freiheit, die immerhin mit dazu geführt hat, dass (wenn auch erst) 450 Jahre später die ersten Frauen Pfarrerinnen werden durften…

Auch in uns, liebe Gemeinde, hinterlässt diese christliche Freiheit Spuren. Ganz anders als Argula früher, sind auch wir heute, liebe Gemeinde, herausgefordert, diesem Glauben an das Evangelium nachzuspüren. Diese befreiende Kraft Gottes in uns zu entdecken. Den Mund aufzumachen – da, wo Menschen Unrecht widerfährt, wo Menschen diffamiert werden, platte Parolen uns einlullen wollen – wo die befreiende Kraft Gottes für alle Menschen niedergehalten wird.

Innerlich frei zu werden – von dem, was wir denken, was andere für Meinungen haben, von eigenen Ängsten, von gesellschaftlichen Zuschreibungen.

Dafür brauchen wir einander, als Gemeinde, um uns gegenseitig von der befreienden Kraft des Evangeliums zu erzählen. Eine Frau wie Argula von Grumbach kann uns dazu auch heute noch Mut machen.

Amen.

 

(Es gilt das gesprochene Wort)