Wir haben seine Herrlichkeit gesehen ...


Predigt von Prälat Hans-Dieter Wille über 2. Petrus 1,1619

13. Januar 2008, Walterichskirche

 

Das Tauffenster (größer durch Anklicken)

Zur Übergabe des Tauffensters

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Festgemeinde!

 

Der Predigttext für diesen 1. Sonntag nach dem Erscheinungsfest steht im 2. Kapitel des Petrusbrief, ein Text, Sie werden es gleich hören, der zusammen mit der Chormusik auf seine Weise die Taufe, das Thema dieses herrlichen Glasfensters, auslegt.

 

"Wir haben seine Herrlichkeit gesehen ..." – ganz so große Worte würden wir wohl nicht in den Mund nehmen, wenn uns jemand fragen würde, wie es denn gewesen war, dieses Weihnachtsfest, das nun schon fast drei Wochen hinter uns liegt. 

 

Und doch hat dieses Licht von Weihnachten nicht nur in unseren Weihnachtsstuben, sondern auch in unseren Herzen wenn schon keine überschwänglich herrlichen Gefühle, aber doch einen Schein, eine wohltuende helle, lichte Erfahrung zurück gelassen. "Herrlich" ist aber nicht nur eine bestimmte,  jedes Jahr am Heiligen Abend wiederkehrende Stimmung, sondern herrlich ist diese aufregende Tatsache, dass er, der große, scheinbar ferne und unnahbare Gott, sich in einem Kind, in seinem Sohn, wie es hier heißt, hat sehen und dann auch fassen und im wahrsten Sinn begreifen lassen.

 

Der Glanz, den dieses Kind in der Krippe verbreitet, der soll nun freilich auch jetzt, gerade jetzt, seinen Glanz entfalten und dort hinein scheinen, wo uns der Alltag mit seinen Termin und Verpflichtungen und auch mit manchen Sorgen und auch Ängsten wieder im Griff haben. „Deswegen“ – so heißt es in unserem Text – "tut ihr gut daran, dass ihr darauf achtet wie auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen".

 

Davon erzählen Astronauten immer wieder mit Begeisterung, wenn sie es zum ersten Mal mit eigenen Augen sahen: die Erde, unsere Erde, wie sie im finstersten Weltraum schwebt – und doch auf einer Umlaufbahn gehalten und bewahrt vor dem Absturz in endlose Dunkelheiten. Wie dann die Sonne über den schwarzen Rand der Erde kommt – und alles wird auf einmal hell: Unsere Erde, meine Welt: ein leuchtender Stern, und die Kontinente und Meere beschienen von einer allmorgendlich wiederkehrenden, Leben spendenden Sonne.

 

"Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang ..." So singen wir mit diesem Morgenlied – und sagen mit unseren Worten, auf was unser Predigttext hinweisen will: auf nichts anderes als auf diese Freude am Licht, die Freude an einem hellen, von Licht durchfluteten Leben – freilich von einem Leben inmitten und umgeben von Finsternissen, die uns allen nicht unbekannt sind. Licht, Helle, herrlichen Glanz können wir eigentlich nur recht sehen, wenn wir gewissermaßen die sie umgebende Dunkelheit mit sehen und auf einmal verstehen, was Licht eigentlich bedeutet. Auch ein Kirchenfenster können wir so sehen, als die kunstvolle Durchbrechung einer dunklen Wand – und auf einmal sehen wir was, auf einmal sehen wir mehr, als wir vorher sehen konnten.

 

Und was sehen wir? Unser Text hält es in einem Satz zusammen, der auch eine Überschrift über dieses Fenster sein könnte: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Die Stimme aus dem Himmel, die Stimme Gottes auf dem Berg der Verklärung. Es ist die gleiche Stimme bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Ja – sagt diese Stimme: der ist es und kein anderer, auf den alle Welt wartet. Du bist es – und kein anderer, Gottes Liebe in Person, die "alle Welt mit ihren tausend Plagen, mit ihrer Jammerlast" in seinen Händen hält. Sein Wohlgefallen: das gilt ihm, diesem Sohn, der als Kind zu Welt kommt und am Kreuz sich für uns dahin gibt. Aber es gilt, weil es ihm gilt, auch uns, den Söhnen und Töchtern Gottes, auch diesem kleinen Mick Fechter, der heute getauft wird.  "Friede auf Erden und den Menschen seines Wohlgefallens."

Das haben wir an Weihnachten gehört – und können es eigentlich nicht oft genug hören. Wir hören es auch, wenn wir auf das von großzügigen Gemeindegliedern gestiftete Glasfenster von Professor Stockhausen schauen und diesen Menschen sehen, der da im Wasser steht, ganz untergetaucht, doch ganz aufrecht, aber dabei regelrecht umflossen von dem Wohlgefallen Gottes, das in Gestalt des Heiligen Geistes auf ihn von oben herabströmt: ein Strom der Liebe, der diesen Menschen wie eine durchsichtiges Gewand ganz umhüllt. Und die Engel stehen wie aufmerksame Begleiter ihm, diesem Menschen, zur Seite. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Auch dieses Lied von Bonhoeffer mag einem dazu einfallen. Dass Ihr Kind diese Geborgenheit erfährt und später im Leben aufrecht stehen kann und nicht umgeworfen wird von den Stürmen und Krisen, die in einem Leben, auch in einem noch jungen Leben,  kaum ausbleiben werden – das wünschen wir Ihnen, den Eltern und Paten, seinen Angehörigen sehr. Vor allem, dass Ihr Sohn diese Zusage hört, die diesem kleinen Mick schon am Anfang seines Lebens gilt, dieses „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jesaja 43, 1) Auch das höre ich gewissermaßen aus diesem beeindruckenden Glasfenster heraus. Freilich: da ist in der Mitte der unteren Reihe auf dem Tauffenster jener Engel, der einen Baum, den Lebensbaum mit seinen festen Händen aus dem Boden zieht. Eine Andeutung dafür, dass unser Leben auch immer wieder seine Wurzeln verlieren kann; es gibt die Erfahrung eines entwurzelten Leben ist: herausgerissen aus Vertrautem, oft widerwillig verpflanzt an einen anderen Ort,  konfrontiert mit Schmerz und Verlust.

 

Das erste Wort des Menschen ist ein Schrei, der Schrei des Säuglings, der die vertraute Mutterhöhle verlassen und auf die Welt kommen muss, in eine zuerst als fremd und kalt empfundene Welt. Es wird nicht sein letzter Schrei, es wird nicht sein letztes Weinen sein. Es wird Abschiede geben, die wir uns nicht wünschen und die doch kommen werden, bittere, schmerzliche Abschiede. Aber auch Abschiede mit einem neuen Anfang, mit einer neuen Zuversicht, mit neuem Mut. Mit einer wieder heller werdenden Dunkelheit.

 

Lieben und Lassen – das steht in weißer Schrift auf dem Fenster. Es steht da, weil es unsere Lebenserfahrung ist, dass wir nur lieben können und geliebt werden, wo wir auch lassen, wo wir etwas und manchmal sehr viel hinter uns lassen müssen und nicht so tun können, als bliebe uns das alles erspart.

 

Wir sind in das wirkliche Leben und nicht in einen Traum, in einen falschen Traum von Leben hineingetauft.

 

Aber der da diesen Lebensbaum umfasst, ist ein Engel. Das wollen wir nicht übersehen. Eine Engelshand, Gottes Hand hält diesen Baum, meinen Lebensbaum umfasst – und lässt ihn nicht mehr los, komme, was da wolle. Ein Leben lang. Und über mein Leben hinaus. So ist auch das Bild in der unteren Reihe kein Angstbild –, sondern ein Trostbild, ein Ermutigungsbild: "Fürchte dich nicht ...!"

 

Darum, liebe Gemeinde, sind wir, die Getauften, selber dazu berufen, für andere Trost und Ermutigung zu sein. Menschen trösten, Menschen wieder Mut machen: es gibt keine schönere Lebensaufgabe, keine erfüllteren Momente in unserem Leben, liebe Gemeinde, wo uns das gelingt, wo uns der Heilige Geist, (ganz oben im Fenster, als Krönung sozusagen, sehen wir ihn), wo uns der Heilige Geist, der große Tröster und Ermutiger unsres Lebens, in die Lage versetzt, dass wir das können.

 

Was können wir dem kleinen Besseres wünschen als das! Wo das geschieht, liebe Gemeinde: Wo Menschen wieder nach einer langen Phasen der Depression wieder Mut fassen, aus ihrer Resignation, aus dem Gefühl, es hat ja doch alles keinen Wert, heraus kommen und sie spüren: Ich werde wahrgenommen – wo das geschieht, da geht ein Licht auf, "das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen ..."

 

Es ist dann wie ein neuer Tag, wie ein neues Leben – dieses Gefühl: Ich werde wahrgenommen. Ich werde gebraucht. Man nimmt mich ernst. Ich bin Menschen nicht gleichgültig. Ja, Menschen haben Wohlgefallen an mir, freuen sich über mich, freuen sich einfach darüber, dass ich da bin, so wie Sie, die Eltern von Mick Fechter sich gefreut haben, dass dieser neue Mensch nun einfach da ist. Nicht mehr aus Ihrem Leben weg zu denken.

 

Sind es Hundertertausende oder noch mehr Menschen in unserer Gesellschaft, denen dieses Gefühl abhanden gekommen ist, die es kaum mehr kennen, die nicht sagen könnten, was das ist: anerkannt, gemocht, gar geliebt zu werden? Und so versuchen sie auf  ihre Weise, auf sich aufmerksam zu machen: herumpöbelnd, gewalttätig, randalierend. Doch gewaltbereit Jugendliche haben ja mit ihrem Verhalten auch eine Botschaft an uns: Nehmt uns wahr, heißt diese Botschaft. Schiebt uns nicht beiseite! Nehmt uns auch dadurch wahr, dass ihr uns zur Verantwortung zieht und uns zutraut, dass wir Verantwortung übernehmen können. Auch dadurch, das ihr Zivilcourage zeigt, Widerstand, wenn wir außer Rand und Band geraten und eigentlich nicht mehr wissen, was wir da eigentlich tun. Wertschätzung und Konsequenz gehören zusammen. Das eine gehört zum Anderen. Konsequenz ist auch ein Ausdruck dafür: Ich kümmere mich um dich. Du bist mir nicht egal.

Wir wissen es doch aus unserer eigenen Jugend – und Kinderzeit.

 

Aber nun gibt es diesen Morgenstern. Das Licht am schon dämmenden Nachthimmel, das das Ende der Dunkelheit und einen neuen Tag ankündigt. Ein verheißungsvolles, froh stimmendes Licht! Menschen sind auf der Suche nach solchen verheißungsvollen Lichtern. "Brich an du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tagen", haben wir an Weihnachten gesungen.

 

Ob wir nicht alle auf der Suche sind nach solchen Lichtern, nach verlässlichen Lichtquellen, nach Menschen, die für  mich und uns das sein können: ein Licht auf meinem Wege?! Es sind Menschen, meine Nächsten, Menschen, die ich liebe, denen ich vertraue, können so zu einer Offenbarung für mich werden.  die mich einladen, ihnen zu folgen; aber die gleichzeitig auf mich zukommen und nicht meilenweit mir voraus sind, sondern auf meiner Höhe, auf Augenhöhe mit mir.

Es sind Menschen, die bei dieser Wegbegleitung ihre eigene Schwäche und Hilflosigkeit nicht verbergen müssen, sondern zugeben können und in dieser Offenheit und Ehrlichkeit mich einfach an der Hand nehmen und mir so helfen.

 

Auch durch sie spüre ich, dass ich ein Mensch, ein Geschöpf, meines Gottes Wohlgefallen bin ... Ob nicht viele unter uns solche Menschen suchen? Ob sie nicht auch einen solchen Gott suchen, einen Gott, der ihnen Licht ist auf ihrem Weg, Orientierung, Hilfe, Zukunft? Ein Licht, nicht über ihnen schwebend, wie ein Stern weit weg im großen Universum, sondern bei ihnen ganz nahe, in großer, ganz selbstverständlicher Vertrautheit und Gegenwart?

 

So wollen wir, liebe Gemeinde,  hinsehen und aufmerksam sein für Menschen, die so den Sinn ihres Lebens suchen. Ja vielleicht sind wir selbst, du und ich  - dieses Licht, in dem andere Gott erkennen, wieder erkennen wollen – und wir haben es noch gar nicht gemerkt. In uns soll sich spiegeln, welchen Wohlgefallen Gott an seinen Menschen, an uns allen hat.

 

Es ist schön, liebe Gemeinde, wenn wir uns gegenseitig so als Suchende  und Gesuchte wahrnehmen. Es ist schön, wenn wir uns selbst dabei finden lassen!

 

Dieses Licht, "das da scheint an einem dunklen Ort" –, dieses Licht hat Gott jedem und jeder in unser Herz gegeben, so dass durch uns andere erleuchtet werden; dass durch uns, durch unsere vielfältigen, auch im neuen Jahr neu zu entdeckenden Begabungen, durch unsere Klarheit und Freundlichkeit zum Beispiel, andere aus ihrem Dunkel hervortreten, wie die Gesichter auf alten Bildern, wie die Gesichter der Menschen auf den Bildern bei Rembrandt, die aus irgendeinem Dunkel zu kommen scheinen. Aber jetzt ist hier Gesicht hell, jetzt nehmen wir sie wahr. Und – das kann man auf Rembrandtbildern regelrecht sehen: diese Menschen fühlen sich selber wahrgenommen.

 

Nicht  zuletzt spiegelt sich auf unserem Gesicht die Menschenfreundlichkeit unsres Gottes, wie wir sie im Kind in der Krippe erlebt haben.

 

Für andere Licht und Freude sein wollen – so gut es geht, mit unser Kraft, mit unser Zeit, die wir haben und die wir uns für andere nehmen: das, liebe Gemeinde wäre doch eine Aufgabe, ein, möchte ich sagen, schöner Vorsatz, der nicht schon nach wenigen Tagen des neuen Jahres im Altpapier landen müsste.

 

Licht und Freude  für unsere Nächsten zu sein: das traut uns Gott im neuen  Jahr zu. Dazu – das ist die Botschaft des Erscheinungsfestes – sind wir alle in der Lage. Dieses Licht, das durch das Kirchenfenster hier in der Walterichskirche herein fällt,  sollen wir selber – jeder und jede auf seine Weise – ja selber ausstrahlen. Durch uns soll etwas aufscheinen, dass nicht nur wir selber sind. Es ist ein Licht, das von woanders her kommt. Ein Licht, nach dem wir uns alle sehnen.

 

Was sehen Menschen, wenn sie uns sehen? Was strahlen wir aus? Aber nun scheint Gottes Licht auch in unser Herz. In unser Leben.

 

Denn:

 

"Das ewig Licht geht da herein, 

gibt der Welt einen neuen Schein! 

Es leucht wohl mitten in der Nacht 

Und uns des Lichtes Kinder macht."       

 

Amen.